UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheEifersucht–Neid

Wir haben uns bereits mit Unwissenheit, Begierde, Wut und Stolz befasst. Jetzt wollen wir uns der Eifersucht zuwenden. Sie ist eine weitere Mischung der uns bereits vertrauten Emotionen, eine spezielle Kombination dessen, was wir im Grunde schon gesehen haben.

Ausschließlichkeit

Wenn wir versuchen, Eifersucht zu definieren, können wir vielleicht sagen: ein Gefühl von Feindseligkeit, das wir erleben, wenn wir sehen, dass andere sich an etwas erfreuen, das wir auch gerne hätten oder das wir ganz allein besitzen wollen." Eifersucht ist der Wunsch, das zu haben, was der andere hat, sei es ein Objekt oder eine Person, oder noch stärker der Wunsch, etwas ausschließlich für sich zu haben, z.B. der Gedanke: Meine Frau, mein Mann, meine Mama, mein Papa... gehört ganz allein mir." Eifersucht tritt auf, wenn jemand daher kommt und sich etwas nimmt oder sich an etwas erfreut, womit ich mich als mein" identifiziere. In der Dharma-Terminologie beinhaltet das Wort Eifersucht auch den Neid, es bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auf alle Objekte unseres Begehrens.

Die Furcht vor dem Verlust

Wir könnten auch sagen, Eifersucht ist: eine innere Unruhe, die zu Angst davor führt, einen Vorteil zu teilen oder diesen Vorteil an jemanden anders zu verlieren". Sie könnte auch definiert werden als die Angst, vom Glück ausgeschlossen zu sein. Die Eifersucht ist also bereits vor dem Verlust da, allein schon bei dem Gedanken an eine mögliche Einbuße des Objektes oder der Person. Kaum male ich mir ein Szenario aus, schon ist die Eifersucht da. Es spielt sich alles im Geist ab. Ein Mann wird nicht erst eifersüchtig, wenn die Frau fremdgeht (oder umgekehrt) die konkrete Situation enthüllt nur unsere Tendenzen. Für Eifersucht braucht es den Glauben an ein wirklich existentes Ich" und ein wirklich existentes Objekt, das für dieses Ich von Bedeutung ist. Das Objekt der Eifersucht ist entweder bereits ein wichtiger Bestandteil meiner Identifikation oder erscheint mir als äußerst erstrebenswerte Erweiterung meines Territoriums. Wenn mir dieses Objekt zu entgleiten droht oder schwer zu erlangen ist, taucht Eifersucht auf. Alles in mir wird eng, ich kann mich nicht mehr freuen und werde wütend.

Der Mangel an Mitfreude

Aus Dharmasicht würden wir Eifersucht vielleicht eher definieren als: die Unfähigkeit, sich am Wohlergehen anderer zu erfreuen". Dies beschreibt das Gefühl, was sich einstellt, wenn ich andere sehe, die glücklich sind, und ihnen ihr Glück neide. Mir wird ganz eng und ich kann mich nicht mitfreuen. Es tut richtig weh, die Freude des anderen zu sehen, entweder, weil sich der andere an etwas freut, das ich als meines" betrachte, oder einfach die Tatsache, dass andere glücklich sind und ich mich gerade nicht so fühlen kann. Manchmal fühle ich mich dann ausgeschlossen. Es kann z.B. sein, dass bei mir der Eindruck entsteht, zwei meiner Freunde verstünden sich untereinander besser als mit mir und dann tut es weh, ihre Freude zu sehen. Ich kann mich einfach nicht mitfreuen, weil ich mir selbst zu sehr wünsche, dass ich an ihrer Stelle wäre. Je mehr ich ihr Glück bemerke, desto mehr verschließe ich mich. Ich möchte selbst der beste Freund dieser Person sein, ich will sie nicht teilen oder aus dieser bevorzugten Beziehung zurücktreten.

Das ist ein tiefes Problem: ich leide nicht nur an der Freude anderer, sondern obendrein auch noch an der Unfähigkeit, mich mit ihnen zu freuen. Denn ich würde das ja gerne. Niemand hat Lust, eifersüchtig zu sein. Ganz im Gegensatz zum Stolz ist das überhaupt kein angenehmes Gefühl. Es frisst uns innerlich auf, aber es gelingt uns nicht auszusteigen, so sehr wir uns auch wünschen, uns zu öffnen. Der Eindruck, nicht so glücklich wie die anderen sein zu können ist zu stark; wir haben so sehr den Wunsch, genauso glücklich wie sie sein zu wollen, dass wir einfach nicht locker lassen können. Wir sitzen im Gefängnis und finden den Ausgang nicht. Der Ausgang wäre die Mitfreude, aber genau das ist nicht möglich.

Abwertendes Verhalten und Kritik

Jedes Mal, wenn ich die Freude der anderen sehe, habe ich nur kritische oder abwertende Gedanken: Ihre Freude ist in Wirklichkeit nichts, das ist ja bloß oberflächliches Getue. Sie reden ja doch nur die ganze Zeit schlecht über andere, usw." Wir werten die Freude, die Zuneigung der anderen ab, um selber nicht so sehr unter unserer Eifersucht leiden zu müssen. Wir müssen ihr Glück abwerten, um nicht so neidisch zu sein. Wie stark würde ich leiden, wenn ich wirklich wüsste, wie glücklich sie sind, wie groß ihre Freude ist! Deshalb kann ich nicht zugeben, dass ihre Liebe und ihr Glück wirklich so groß und vielleicht sogar ohne irgendwelche Hintergedanken sind.

Das Schlimmste für einen Eifersüchtigen ist zu hören, dass seine Frau den andern wirklich zutiefst liebt und dass sie noch nie so glücklich war wie jetzt. Einen kleinen Seitensprung kann ich ja noch durchgehen lassen, solange ich die Nummer eins bleibe, aber das ist unerträglich. Die Gefahr, den geliebten Menschen ganz zu verlieren, wird nun wirklich groß. Es dämmert uns: Vielleicht ist sie (oder er) wirklich glücklicher mit der anderen Person..."

Zerstörerische Energie

Je mehr wir der Freude, des Glückes der anderen gewahr werden (oder auch für je größer wir sie halten), desto mehr erleben wir das als eine Bedrohung, die wir aus der Welt schaffen wollen. Wir fühlen den Wunsch, ihr Glück zerstören zu wollen. Wenn uns das nicht möglich ist, werden wir versuchen, die Person selbst zu zerstören. Das kann so weit gehen, dass sich unsere eifersüchtige Wut sogar auf die Person oder das Objekt unseres Anhaftens selbst richtet, nach der Logik: Wenn ich mich nicht daran erfreuen kann, dann soll sich niemand daran freuen!" In dieser entbrannten Eifersucht kann es dazu kommen, dass wir dieses Objekt völlig zerstören. Das kann sogar zu Mord führen. Ein enttäuschter Liebhaber wird seinen Hass entweder auf den Rivalen richten oder aber auf die von beiden 'geliebte' Person, das Objekt ihres beidseitigen Anhaftens. Weil ich diese ehemals geliebte Person nicht haben kann, zerstöre ich sie oder ich vernichte den Menschen, den sie jetzt liebt, damit sie keine Freude mehr an ihm haben kann und bestraft ist für ihr Weggehen. Die innere Logik ist: Ich kann dich jetzt nicht mehr lieben, weil du einen anderen liebst." Um mich aus dieser leidvollen Unfähigkeit zu wahrer Liebe zu befreien, möchte ich diese Person, die mir das so deutlich zeigt, aus der Welt schaffen. Natürlich gibt es auch den Mord an beiden, um jeden Hinweis auf diese unselige Beziehung aus der Welt zu schaffen.

Diese krassen Beispiele sollten uns nur den zugrundeliegenden Wunsch veranschaulichen, das Glück der anderen zu zerstören, ihnen die Freude zu stehlen und das Leben zu vergiften. Einmal war ich Zeuge einer sehr bezeichnenden Szene: Jemand wollte eine Blume aus dem Garten mitnehmen und in eine Vase stellen, aber der Gärtner war dagegen. Die Blume war bereits abgeschnitten und in dem Streit wurde die Blume schließlich zerrissen und so konnte sich niemand daran freuen.

In der Eifersucht finden wir entweder eine Fixierung auf den Rivalen oder das rivalisierte Objekt. Es kommt dabei vor, dass wir überhaupt nicht ärgerlich auf den Rivalen sind, sondern alle Schuld unserem ehemaligen Liebhaber geben. Und ebenso passiert es, dass sich alle Wut auf den Rivalen richtet und unser ehemaliger Liebhaber aus unserer Sicht nichts damit zu tun hat. Und schlussendlich können wir auch alle Schuld uns selber geben, bis hin zum Selbstmord.

Schauen wir uns noch ein bisschen genauer diese zerstörerische Energie der Eifersucht an. Es ist eine Haltung, die mit Faulheit einher geht. Ich bin zu faul, um die Ärmel hochzukrempeln und die Anstrengung zu machen, die selben Qualitäten und Fähigkeiten zu entwickeln wie die anderen. Ich mache es mir einfacher: Ich benutze einfach die Kraft giftiger Worte und mache ihnen ihr Leben madig. Ich spreche mit anderen schlecht über sie, mache ihre Freundschaften kaputt und schaue, dass sie ihren Beruf, ihren Lebenserwerb verlieren. Über Intrigen und üble Nachrede schaffe ich es auch, dass sie ihren Partner verlieren und dass ihr Ruf ruiniert ist. Ich bin so geschickt im Aufzeigen ihrer Fehler, dass alle mir Glauben schenken. Das ist die Energie der Eifersucht. Sie zerstört das Leben, die Lebensfreude der anderen.

Das erleben wir in persönlichen Beziehungen, aber auch im Wettkampf von Unternehmen und ganzen Nationen. Diese zerstörerische Energie, die dem anderen das Leben kaputt macht, kann so weit gehen, dass wir es schließlich geschafft haben, dem anderen seine Arbeit kaputt zu machen, seine Beziehung zum Mann bzw. zur Frau zu zerstören, das Vertrauen seiner Kinder und aller Freunde zu entziehen, bis dieser Mensch völlig geliefert ist und keinen anderen Ausweg mehr weiß, als sich selbst den Strick zu nehmen. Das ist die 'clevere' Art der Eifersucht. Nicht ich selbst nehme den Strick, sondern ich werde schauen, dass es für diesen Menschen keine einzige glückliche Minute mehr auf diesem Planeten gibt, dass es nichts mehr gibt, was ihm Freude macht. Bis er sich selbst den Todesschuss gibt. Zwar geht es selten so weit, aber die Tendenz Wie mache ich dem anderen das Leben kaputt?" gehört zum Grundmuster der Eifersucht.

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