UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheVersteckte Eifersucht, die Melancholie

Diese zerstörerische Energie kann sich natürlich auch gegen einen selbst richten, wenn es ihr nicht möglich ist, andere Ventile zu finden, sei es aus Scham über die eigenen Fehler, aus Höflichkeit, oder aus Unfähigkeit. Melancholische Zustände sind oft nach innen gerichtete Eifersucht. Da man sich nicht freuen kann, ist man melancholisch, man kann keine Freude zulassen, kann sich nicht mit anderen mitfreuen und verschließt sich.

Mit eifersüchtigen Tendenzen können wir uns in eine Sicht der Welt hineinsteigern, in der es nichts, aber auch gar nichts Erfreuliches gibt. Alles ist Leid. Um nicht in Kontakt mit der eigenen Unfähigkeit zur Freude zu kommen, projiziert man eine allgemeine Kritik auf diese Welt, die in jeder Hinsicht unzureichend und voller Mängel ist. In dieser Welt gibt es nichts Anziehendes. Wenn wir zugeben würden, dass es Spaß machen kann, in dieser Welt zu leben, müssten wir uns die Frage stellen, warum wir immer so griesgrämig sind. Wir ziehen es vor, die Welt in trübem Licht zu sehen: „Die Welt ist ein elend' Jammertal." Die Welt ist nichts als Leid.

Ihr findet auch Buddhisten, die sich der Unterweisungen über das Leid in Samsara als Beweis für ihre melancholische, eifersüchtige Sicht der Welt bedienen. Sie behaupten: „Der Buddhismus sagt, alles ist Leid. Und genauso ist es. Es gibt keine Freude." Sie übergehen alles, was den Weg der Freude ausmacht. Auch der Philosoph Nietzsche z.B. hat einige der ersten Übersetzungen buddhistischer Texte über das Leid und das Nicht-Ich gelesen, hat diese offenbar missverstanden und das hat seine pessimistische und nihilistische Sicht der Welt noch verstärkt. Solche Missverständnisse in der Frühzeit der Rezeption des Buddhismus in Europa haben viel dazu beigetragen, dass dem Dharma immer noch ein Ruf von Pessimismus und Nihilismus anhängt.

Extreme Eifersucht: der Selbstmord

Wie wir schon gesehen haben, kann Eifersucht in ihrer schlimmsten Konsequenz bis zum Selbstmord führen. Die Unfähigkeit, mit unseren eifersüchtigen Tendenzen umzugehen, kann zu dem Schluss führen: „Ich bin es, der diese Welt verlassen muss, ich, der ich von niemandem geliebt werde und es nicht schaffe, andere zu lieben. Ich sehe keinen Sinn mehr, in diesem Leben zu bleiben, ohne Partner, ohne Freunde. Ich fühle nur noch Abneigung, Groll und Wut anderen gegenüber. Ich habe hier nichts mehr verloren, es ist besser ich gehe und mache den Trennschnitt." Solch ein Selbstmord mag dann unsere letzte Kritik an der Welt sein: „Jetzt, wo ich tot vor euch liege, seht, was ihr angerichtet habt! Das ist eure Rechnung! Für mich ist die Sache gelaufen, die Bürde sei jetzt eure!" Die letzte Anklage der anderen ist der Selbstmord. Das ist die stärkste aller Anklagen.

Das ständige Vergleichen

Um es zusammenzufassen: Wenn wir nur an etwas haften würden, dann wäre dies einfach Begierde oder, wenn es sich auf unsere eigenen Qualitäten richtet, Stolz. Aber wenn das Haften einher geht mit einem Vergleichen mit dem, was andere haben und woran sich andere erfreuen, dann wird es zur Eifersucht. Der Mechanismus des Vergleichens ist das Zentrum des Eifersucht-Mechanismus. Eifersucht ohne dieses sich in Vergleich setzen zu etwas anderem gibt es nicht. Aufgrund dieses Vergleiches meinen wir, wir seien schlechter dran als andere, hätten weniger Freude, Glück oder Besitz, und sind deswegen eifersüchtig und neidisch.

Eifersucht–Neid kann auch bedeuten, dass wir anderen – obwohl wir mehr haben, fröhlicher und glücklicher sind als sie – selbst noch das kleine Glück neiden, das sie besitzen. Es geht soweit, dass wir alles Glück bei uns haben wollen und andere sollen überhaupt nicht mehr glücklich sein, sich überhaupt nicht mehr freuen können. Große Habsucht z.B. ist der Wunsch, ausnahmslos alles besitzen zu wollen, ohne auch nur im Geringsten teilen zu können. Ein bisschen Habsucht zeigt sich darin, dass man den anderen noch etwas übrig läßt und einfach nur den größeren Teil bei sich haben möchte. Und kleine Habsucht ist, schon mit anderen zu teilen, aber es gibt bestimmte Dinge, die ich nie teilen werde. Das Territorium ist hier ein bisschen kleiner.

Der Mechanismus des Vergleichens setzt in dem Moment ein, wo ich eine Qualität bei einer Person sehe. Kaum, dass ich die Qualität bemerke, schaue ich sofort auf mich und frage: „Habe ich diese Qualität auch, bin ich auch so gut, besitze ich das auch?" Und dieser Moment entscheidet alles. Wenn ich das Gesuchte bei mir finde und sagen kann: „O.K. Ich habe das auch", dann bin ich einigermaßen entspannt. Wenn ich wenig oder nichts davon finde, ist es mir hingegen völlig unmöglich, mich an der Qualität des anderen zu freuen.

Die beiden Pole: Stolz und Eifersucht

Der Mechanismus des Vergleichens mit den eigenen Qualitäten wird sehr deutlich, wenn wir uns jemanden anschauen, der so stolz ist, dass er glaubt, alle Qualitäten zu besitzen. Falls er überhaupt Qualitäten bei anderen wahrnimmt, wird er keine Veranlassung sehen, eifersüchtig zu sein: „Die anderen reichen ja ohnehin nicht an mich heran. Ich bin ja so großartig, wieso sollte ich jemand anderes beneiden? Sie haben ja überhaupt nichts, worauf ich wirklich neidisch sein kann. Alles Gute habe ich ja schon!"

Jemand Stolzes mag sagen, dass er nie Eifersucht erlebt. Er kennt gar keine Eifersucht. „Wieso auch? Es ist ja alles bestens in Ordnung mit mir. Da ich keine Fehler habe, worauf sollte ich dann eifersüchtig sein? Ich kann großzügig teilen von meinen Qualitäten." Die Abwesenheit von Eifersucht ist also unter Umständen einfach ein Zeichen von riesigem Stolz.

Wenn solch ein Stolz, solch ein Selbstbild, zusammenbricht und irgendwie Zweifel an den eigenen Qualitäten auftreten, wird sich sofort auch Eifersucht zeigen. Sobald wir in Zweifel sind über uns selber und denken, dass andere vielleicht doch mehr Qualitäten und Freude in ihrem Leben haben als wir, wird sich die Eifersucht zeigen.

Ehrgeiz und Wettstreben

Eifersucht ist die treibende Kraft von Wettkampf. Ich vergleiche mich mit anderen und möchte besser sein als die anderen oder mehr haben als sie. Neid und Eifersucht sind hier das Gleiche. Man möchte mehr Gegenstände haben, mehr Anerkennung, mehr Macht, mehr Wissen, usw.

Es gibt nicht nur zerstörerische Eifersucht, sondern auch die Möglichkeit, die Ärmel hochzukrempeln und – typisch Mann – zu sagen: „Ran an die Sache! Dem werde ich es schon zeigen! Wollen wir mal schauen, wer schneller laufen kann. Ich werde so lange trainieren, bis ich schneller bin als er, bis ich besser bin." Das kann sich auf jede Art von Qualität oder Fähigkeit beziehen, z.B. auch: „Welcher Garten ist schöner, welcher Kohlkopf ist größer, welches Hemd ist schöner gestickt usw." Das ist alles nur Ehrgeiz, die Energie, die aus dem Vergleichen geboren wird.

Riesige Unternehmen wurden aus reinem Ehrgeiz aufgebaut und unglaubliche wissenschaftliche Forschungen durchgeführt, nur um als die besten Forscher dazustehen. Wo auch immer wir hinschauen, der ganze sogenannte Fortschritt unserer Welt: Die Hauptenergie darin ist Wettstreit, Rivalität und Ehrgeiz, die aus der Eifersucht geborenen Verhaltensweisen. Das kann als Nebenprodukt sehr konstruktiv sein, weil unheimlich viel dadurch entsteht; jeder versucht, den anderen zu übertrumpfen und setzt immer noch einen oben drauf – nur um immer wieder vorne zu sein. Steht unser Unternehmen an erster Stelle der Weltrangliste oder zumindest an zweiter oder dritter? Der Nationalstolz will die französischen Unternehmen oder die deutschen Unternehmen vorne sehen. Die Energie des eifersüchtigen Strebens überträgt sich so auf riesige Gruppen. Das, was wir Fortschritt nennen, ist in vieler Hinsicht nur das Übertrumpfenwollen der anderen durch bessere Waffen, bessere Technologie usw. Immer wieder entdecken wir diese Energie des Wettkampfes, die sich hinter den scheinbaren Errungenschaften verbirgt. Es gibt wenige Entwicklungen, die in dieser Welt stattgefunden haben, ohne dass die Energie des Ehrgeizes, der Eifersucht, dahinter gewesen wäre. Oft wird uns diese ehrgeizige, eifersüchtige Energie als „gesundes Durchsetzungsvermögen" verkauft, denn in unserer Welt wird Ehrgeiz normalerweise als positiv betrachtet. Er wird mit der Fähigkeit gleichgesetzt, sich zu behaupten und durchzusetzen, doch leider meist auf Kosten anderer. Weil Ehrgeiz einen gewissen Mut freisetzt, gilt er als eine positive Kraft, aber in Wirklichkeit ist Ehrgeiz diametral entgegengesetzt zu dem, was wir im Dharma als Qualität betrachten.

Im Lodjong, dem buddhistischen Geistestraining, heißt es: „Sieg den anderen, Niederlage uns selbst." Und in der samsarischen Welt heißt es: „Sieg für uns, Niederlage den anderen." Für unsere ehrgeizigen Vorhaben brauchen wir den Mut, über Leichen zu gehen. Das ist allerdings nicht der Mut des Bodhisattvas, der den Sieg den anderen lässt. Was in unserer Gesellschaft als Mut betrachtet wird, ist oft einfach Dummheit. Man setzt sich dummerweise und unnötigerweise Risiken aus und dabei mangelt es völlig an Mitgefühl. Ein Bodhisattva lässt in gewissem Sinne auf sich herumtrampeln, aber nicht ohne Weisheit. Mutig begegnet er dabei allen aufsteigenden Emotionen. Er weiß, dass es da niemanden gibt, auf dem herumgetrampelt wird. Er ist bereit, in Situationen einfach mal die Schuld einzukassieren: „Warum soll es nicht ich sein, der den Fehler gemacht hat. Es ist doch völlig egal, wer den Fehler auf sich nimmt. Hauptsache die Situation kann bereinigt werden."

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