UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheDie Ursachen der Eifersucht

a – Anhaften

Zu den Ursachen, die zu Eifersucht führen, gehört also großes Anhaften an Dingen, Personen und Fähigkeiten. Enttäuschung ist auch ein wichtiger Faktor: unsere enttäuschten Anhaftungen und Begierden; wir hatten den Gegenstand oder die Person bereits in unserem Territorium, aber jetzt verlieren wir dieses Objekt. Eine weitere Ursache ist das Haften an etwas, das außerhalb unserer Reichweite liegt.

b – Verletzter Stolz

Auch verletzter Stolz führt zu Eifersucht: Ich fühle mich eigentlich wohl, ich bin stolz, werde aber in meinem Stolz angegriffen. Dieser Angriff auf meinen Stolz, z.B. durch Kritik, Beleidigung oder dergleichen, führt dazu, dass dieser Stolz sich mit Wut und Aggressivität vermischt und als Eifersucht dazu führt, den anderen zerstören zu wollen.

Im Stolz verletzt zu werden bedeutet, in der Selbstliebe angegriffen zu werden. Mit Selbstliebe ist hier nicht das gesunde Selbstwertgefühl eines aufrechten Menschen gemeint, nicht der liebevolle, wohlwollende Umgang mit uns selbst und unseren Schwächen, sondern Selbstliebe bedeutet hier: Wir denken nur an uns selbst und halten uns für den Mittelpunkt, die wichtigste Person der Welt, alles muss sich um uns drehen. Wenn andere diese Wertschätzung von uns nicht teilen und das durch Kritik zum Ausdruck bringen oder dadurch, dass sie uns etwas wegnehmen, dann ärgern wir uns sofort, denn wir sind für die anderen ganz offensichtlich nicht der Mittelpunkt der Welt. Das ist bereits der Beginn der Eifersucht. Wir versuchen unbewusst, anderen klar zu machen, dass wir eigentlich der Mittelpunkt der Welt zu sein haben. Das ist die eigentliche Energie der Eifersucht. Wir vergleichen zwischen dem, wie wir uns einschätzen, und dem, wie andere uns einschätzen. Und die schätzen uns leider nicht hoch genug ein.

Verletzter Stolz geht mit dem Gefühl von Demütigung einher und oft nährt sich Eifersucht auch aus dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Dieses Gefühl von Ungerechtigkeit uns gegenüber ist eine Projektion der Eifersucht, es ist ein Gefühl, Opfer ungerechter Behandlung zu sein. In diesem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, können wir uns nicht mehr am Wohlergehen der anderen freuen. Weil wir nicht das bekommen, was uns unserer Meinung nach zusteht, ist es völlig ausgeschlossen, dass wir uns am Wohlergehen der bevorzugten Anderen freuen können.

c – Armutsgefühl (Mangel)

Hinter Neid und Eifersucht steckt das Gefühl, etwas entbehren zu müssen, ein Gefühl dass uns etwas fehlt, ein Manko, Defizit oder Leerheitsgefühl. Wir haben das Gefühl, dass wir etwas verlieren, etwas verloren haben oder nicht bekommen können. Eifersucht ist immer darauf aus, dieses Gefühl der Leere und des Mangels in uns, zu beheben. Wenn wir keinen Mangel erleben, weil wir uns reich, komplett und rund fühlen, dann entsteht auch keine Eifersucht.

d – Enttäuschung

Wir können auch persönliche Enttäuschung als eine Ursache der Eifersucht ansehen. Wir haben uns in einer Freundschaft, in einem Projekt, in einem Unternehmen egal welcher Art engagiert und diese Freundschaft, dieses Unternehmen, geht nicht mehr weiter und bricht auseinander. Wir sind sehr enttäuscht, weil wir viel Energie hineingesteckt haben. Und aus unserer Enttäuschung heraus wünschen wir, dass diejenigen, die evtl. weiter an dem Projekt arbeiten und für die Enttäuschung schuldig zu sein scheinen, auch diese Enttäuschung in ihrem Leben erfahren. Wir möchten, dass unsere Enttäuschung durch die Enttäuschung der anderen wettgemacht wird und achten eifersüchtig darauf, dass die anderen nicht glücklich werden.

e – Persönliche Interessen

Eifersucht entsteht immer dann, wenn unsere persönlichen Interessen berührt sind. Wenn wir keine persönlichen Interessen haben, dann kann keine Eifersucht entstehen, denn wenn unser Anliegen das Wohl aller Wesen ist, dann sind nie persönliche Interessen berührt. Dann können wir uns überall mitfreuen, wo Freude entsteht, weil unser Anliegen die Freude und das Wohl aller Wesen ist. Selbstliebe und persönliche Interessen produzieren Eifersucht, und das Interesse am Wohlergehen aller löst Eifersucht auf und macht sie unmöglich.

Eifersucht: die Verbindung von Stolz, Begierde und Wut

Wir sehen, dass Eifersucht ohne Ärger und Wut nicht bestehen kann. Abneigung ist stets ein Bestandteil von Eifersucht. Deswegen wird im Abhidharma Eifersucht als eine sekundäre Emotion klassifiziert, als Unterrubrik von Wut und Ärger. Es ist eine spezielle Kombination von Wut mit Stolz und Begierde. Diese spezielle Kombination führt zu Eifersucht.

Die Brille der Eifersucht

Mit der Eifersucht geht immer ein Verdacht einher, was die anderen wohl von mir Schlechtes denken können. Ich unterstelle ihnen, dass sie mir gegenüber eifersüchtig handeln und denke, dass ihr eigentliches Anliegen ist, besser zu sein als ich. Wenn ich etwas Gutes getan habe, habe ich das Gefühl, alle anderen seien eifersüchtig auf mich. Ich trage die Brille der Eifersucht und sehe deshalb überall Eifersucht, ohne meine eigene zu sehen. Ich denke von den anderen – so wie es ganz natürlich und unbemerkt bei mir der Fall ist – dass sie ständig die Handlungen der anderen bewerten und mit sich vergleichen. Es fällt mir gar nicht auf, dass ich selber eifersüchtig bin und ständig meine, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu haben usw. Mir erscheint es statt dessen ständig so, als würden die anderen immer, wenn ich etwas tue, eifersüchtig werden. Zudem habe ich das Gefühl, die anderen seien immerzu dabei, gegen mich zu intrigieren, mir mein Glück zu rauben und meine Freude zu untergraben. Das sind die Projektionen der Eifersucht. Ich lebe in ständiger Angst vor den eifersüchtigen Blicken und Handlungen anderer.

Es wird mir ganz unangenehm zu Mute, wenn ich sehe, dass zwei Personen sich ohne mich unterhalten, weil ich nicht die Kontrolle darüber habe, was sie sagen. Ich bin sind überzeugt, dass sie über mich sprechen, und habe Angst, dass sie vielleicht schlecht über mich sprechen. Ich kann mich nicht daran freuen, dass sie sich angeregt unterhalten und dass es ihnen vielleicht sogar gut geht.

Eifersucht missgönnt anderen ihre freie Unterhaltung, ihre kleinen Freuden, ihre gemeinsamen Parties, was auch immer. Nach einem Fest, auf dem sich zwei meiner Bekannten ohne mich unterhalten haben, schaue ich argwöhnisch: Hat sich ihr Blick verändert? Begegnen sie mir anders als vorher? Ich bin ständig fürs Schlimmste gewappnet, denn vielleicht ist etwas gegen mich gesagt worden oder gegen mich in die Wege geleitet worden. Zu meinen, immer auf der Hut sein zu müssen, das ist die Bürde der Eifersucht.

Eifersucht führt soweit, dass wir jemandem, dem wir auf dem Gang begegnen, nicht mehr in die Augen schauen können. Wir können ihm nicht mehr offen begegnen, weil wir selber voller Eifersucht und Negativität stecken dem anderen gegenüber und vermuten, dass der andere ebenso negativ uns gegenüber eingestellt ist. Wir wagen gar nicht, in die Augen des anderen zu schauen. Es geht so weit, dass wir uns völlig verschließen und mit niemandem mehr offen sein können, weil uns dieses Gift der Eifersucht, des Neides, von innen her auffrisst. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat frisst es sich durch die Eingeweide und breitet sich überall aus, bis wir in Bitterkeit versinken. Wir nisten uns in einer bitteren Welt ein, voller Mißtrauen anderen gegenüber und ohne Freude. Wir schaffen es nicht mehr, auch nur kleine Momente der Freude zuzulassen. Wir sind ständig im Streit, im Wettkampf, in Auseinandersetzungen mit anderen, in Kritik und Selbstkritik. Dazu kommen Schuldgefühle, weil wir so negativ eingestellt sind usw., das Leben wird unerträglich.

Die Heilmittel der Eifersucht

Die Qualitäten, die uns helfen, Eifersucht aufzulösen, sind Offenheit, Ehrlichkeit und Direktheit in unseren Beziehungen: direkt auszusprechen, wenn uns etwas zu Herzen geht, wenn uns etwas trifft, wenn wir Zweifel haben; herausrücken damit und nicht für uns behalten; einen Geist der Zusammenarbeit entwickeln, sich kooperativ verhalten, anderen Vertrauen schenken und sich selbst Vertrauen geben; in jeder Hinsicht Vertrauen zu stärken und versuchen, Vertrauen, das erschüttert ist, unverzüglich wiederherzustellen. Und das Hauptheilmittel ist natürlich: sich mitzufreuen, wenn es anderen gutgeht, und die Freude und das Glück anderer zum Hauptanliegen in unserem Leben zu machen.

Frage: Wenn ich richtig verstehe, dann brauchen wir die einzelne Emotion nicht zu analysieren: warum ist sie da? woher kommt sie? was soll ich jetzt tun?

Ja, diese Erklärungen zu den Mechanismen der Emotionen sollen uns nicht tiefer in eine intellektuelle Analyse verwickeln. Eigentlich brauche ich mich nicht damit zu beschäftigen, welche karmischen Einflüsse meiner Kindheit jetzt dazu führen, dass ich so oder so reagiere. Das kann zwar gelegentlich hilfreich sein, ist aber nicht Ziel der Unterweisungen. Hier geht es darum zu schauen, was jetzt in meinem Geist abläuft, einfach das Kreisen in immer wieder den gleichen emotionalen Mustern wahrzunehmen und herauszufinden, wo ich jetzt gerade einen Schnitt machen und loslassen kann. Um das gegenwärtige Anhaften loszulassen, brauche ich keine komplette Analyse meiner Persönlichkeit auszuführen; die Einzelheiten des „Warum bin ich so und nicht anders?" sind nicht so wichtig. Im Grunde reicht es aus zu bemerken: Ich bin angespannt. Wo kann ich loslassen? Dafür brauche ich ein gewisses Grundverständnis, wie Samsara funktioniert, wie Haften zu Anspannung und Leid führt. Wenn ich das verstehe, weiß ich, wo ich loslassen kann.

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