UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheAngst

Das Gefängnis der Angst

Wir könnten sagen, dass wir uns in einem Gefängnis der Angst befinden. Die Mauern von unserem Gefängnis sind unsere Ängste. Da gibt es aber eine Tür in diesem Gefängnis, auf der groß steht: „Der Schlüssel ist Vertrauen." Wir brauchen den Schüssel des Vertrauens, um diese Tür aufzuschließen, das Vertrauen, den Schritt ins Unbekannte zu wagen, hinein in die Bereiche unseres Geistes, die wir noch nicht kennen.

So schmerzhaft es ist, in diesem Gefängnis der Angst zu leben, fühlen wir uns doch recht wohl in diesem uns vertrauten Gefängnis. Nur wenn die Angst und das Leid zu groß werden, entsteht ein Interesse, vielleicht doch einmal die Tür zu öffnen und uns auf das Vertrauen einzulassen. Damit wir endlich den Mut zusammennehmen, ins Unbekannte zu gehen, braucht es oft Situationen, die unsere Ängste immer dichter werden lassen, bis das Leid immer unerträglicher wird. Die Mauern unseres Gefängnisses müssen uns so nahe kommen, dass wir fast ersticken und nur noch den einen Wunsch haben zu entfliehen. Dann nehmen wir das bisschen Vertrauen, das kleine bißchen Mut, das wir haben und sagen uns: „Es kann ohnehin nicht schlimmer kommen als jetzt" und gehen durch die Tür hindurch.

Zuflucht nehmen

Der Moment, in dem wir diese Tür öffnen und durch sie hindurchgehen, ist der Moment des Zufluchtnehmens. In diesem Moment sind wir endlich bereit, die Kontrolle loszulassen. Bis dahin haben wir immer noch versucht, alles zu kontrollieren, alles im Rahmen des uns Bekannten zu halten, und jetzt übergeben wir uns zum ersten Mal in die Hände von etwas, das uns wohl besser schützen wird als die Mauern unseres Gefängnisses: Wir geben uns in die Offenheit hinein, wir vertrauen der Offenheit mehr als der Enge. Die Enge hat etwas Vertrautes, die Offenheit aber ist noch etwas unbequem. Aber zum Glück stellt sie sich nicht mit einem Schlag ein, sondern es gibt da einen Weg, wie wir uns allmählich öffnen.

Frage: Was ist eigentlich Zuflucht?

Antwort: Zuflucht ist, sich mit Körper, Rede und Geist ganz in die Öffnung hinein zu begeben. Buddhaschaft ist völlige Öffnung. Buddha als Zuflucht steht für das Ziel der Öffnung in uns. Der äußerlich sichtbare Buddha zeigt uns, dass es möglich ist. Der Dharma ist der Weg der Zuflucht, die Unterweisungen, die uns diese Öffnung ermöglichen – ein Weg, den wir gehen können von kleiner Öffnung zu immer größer werdender Öffnung, wie ein Lotus, der aufgeht. Und die Sangha, die Gemeinschaft der Edlen als Zuflucht, sind all diejenigen, die uns den Weg in die Öffnung zeigen können und uns helfen, den Lotus unseres Geistes allmählich zu öffnen. Wenn wir in Anspannung gefangen sind, sagen sie uns: „Du kannst ruhig mal loslassen. Schau, so geht es..." Sie ermuntern uns, weitere Schritte zu machen und den schrittweisen Prozess des Öffnens unserer Lotusblüte geschehen zu lassen, uns der Liebe, dem Mitgefühl, der Freigebigkeit usw. zu öffnen.

Angst, die Quelle aller Emotionen

Was uns an der Öffnung hindert, ist Angst. Sie ist das Einzige, was uns hindert. Angst ist Ausdruck von Unwissenheit: die Angst, nicht zu existieren, ist Ausdruck des Wunsches, jemand zu sein. Ich habe Angst, niemand zu sein. Angst ist die Treibfeder aller Emotionen. Es gibt keine Emotion ohne Angst. Ich habe Angst vor Durst, vor Hunger, Angst, schlecht zu schlafen, Angst, übermüdet zu sein, Angst, nicht anerkannt zu werden, Angst, meine Freunde zu verlieren, Angst, meine Eltern zu verlieren, Angst, abgelehnt zu werden, Angst, was auch immer zu verlieren oder Angst, etwas zu begegnen, was mir unangenehm ist – überall ist Angst, ständig. Alles ist von Angst angetrieben, selbst die kleinsten Handlung haben einen Funken Angst. Wenn ich auf eine Tür zugehe, habe ich Angst, dass sie verschlossen ist, und wenn ich sie geöffnet habe, habe ich Angst, dass ich sie nicht mehr zu kriege – oder anders ausgedrückt: Wenn ich Zuflucht nehme, habe ich Angst, dass ich nicht wieder in mein Gefängnis zurückfinde. Überall ist Angst, denn sobald ich mich auch nur einen Schritt bewege, begegne ich etwas Neuem. Die Angst vor Veränderung ist Angst schlechthin.

Das Vertraute macht keine Angst mehr, aber das Unbekannte löst Angst aus. Und da Veränderung immer mit etwas Neuem einher geht, haben wir schlichtweg Angst vor der Veränderung. Es gibt unzählige Arten von Angst, aber wir können allgemein sagen, dass die Angst, die mit Begierde–Anhaften verknüpft ist, die Angst ist, etwas Angenehmes zu verlieren. Mit Wut–Ablehnung verbundene Angst ist die Angst, etwas Unangenehmem zu begegnen. Angst, die mit Stolz verknüpft ist, ist die Angst, kritisiert, herabgewürdigt, nicht anerkannt zu werden. Mit Eifersucht verbundene Angst ist die Angst, unser geliebtes Objekt zu verlieren, nicht so gut zu sein wie andere, usw.

Ängste finden sich bei allen Emotionen und darum wird Angst im Abhidharma nicht als eine getrennte Emotion beschrieben. Sie ist allen Emotionen gemeinsam, weil sie im Grunde genommen einfach Ausdruck unserer Unwissenheit ist. Wir wissen nicht, dass das Neue nicht schaden kann. Wir wissen nicht, dass das Unbekannte, die Offenheit, niemanden zerstören kann, dass es da gar niemanden gibt, der Angst zu haben braucht. All das wissen wir einfach nicht, es ist uns nicht klar. Wir sind fest überzeugt davon, dass uns etwas passieren kann, wenn wir sterben. Aber es kann uns tatsächlich nichts passieren, denn da ist niemand, der stirbt. Diese Grundannahme, dass da etwas ist, das stirbt, dass da ein Jemand ist, der sich schützen muß, das ist die Ursache der Angst.

Die Erkenntnis der Natur des Geistes als Ende der Angst

Der Moment, in dem wir die Natur des Geistes erkennen, ist der Moment, in dem wir zum ersten Mal keine Angst mehr haben. In dem Moment, wo wir Gewissheit darüber haben, was die Natur des Geistes ist, wie man in der völligen Offenheit des Geistes verweilt, in Mahamudra, sind wir zum ersten Mal frei von Angst. Alles andere, was wir bis dahin erleben, sind mehr oder weniger starke Spannungszustände, die auf der Angst vor dem Loslassen beruhen, der Angst, voll und ganz loszulassen. Erst wenn einmal unser Vertrauen so stark angewachsen ist, dass wir es schaffen, völlig loszulassen, werden wir die Erfahrung machen, dass es tatsächlich nichts zu verteidigen gibt. Das ist die Erkenntnis von Mahamudra.

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