UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Entspannen
und Loslassen
Um abends im Bett
einzuschlafen, müssen wir loslassen und die Kontrolle aufgeben.
Dieser Moment des Aufgebens der Kontrolle ist notwendig, um überhaupt
einschlafen zu können. Jeder, der einschlafen kann, zeigt
damit, dass er loslassen kann. Allerdings geschieht dieses Loslassen
in einem Zustand von Müdigkeit: Wir sind zu müde, um
noch weiter an unseren Gedanken, Ideen und Sorgen festzuhalten.
Die Müdigkeit überwältigt uns und ermöglicht
es, endlich loszulassen. Dieses abendliche Loslassen ist von daher
vom Schleier der Müdigkeit versteckt und wir gehen durch
diesen Moment des Dharmakayas, der völligen Offenheit, hindurch,
ohne ihn zu bemerken. Meditation ist das völlige Loslassen,
genauso wie abends, aber bei völliger Klarheit, ohne dass
wir einschlafen: Bei völliger Bewusstheit lassen wir alle
Kontrolle los. Aber es ist eigentlich nicht schwieriger als abends.
Es ist nur schwierig, dabei nicht einzuschlafen. Es ist schwierig,
weil wir Entspannung immer mit Einschlafen verwechseln. Wach zu
bleiben, aufrecht zu bleiben und dabei zu entspannen ist uns nicht
vertraut. Deswegen erscheint Meditation etwas schwierig.
Wenn wir es schaffen,
tagsüber bei wachen Bewusstsein in diese Offenheit, in die
Natur des Geistes, hinein loszulassen und zu entspannen, dann
lernen wir daraus etwas Entscheidendes, das wir in all den Einschlafmomenten
unseres ganzen Lebens noch nicht gelernt haben: Wir bemerken,
dass es da niemanden gibt, kein Ich – und das werden wir nie vergessen,
es wird unser Leben völlig verändern, weil wir uns bewusst
werden, dass es nichts zu verteidigen gibt.
Frage: Wenn ein
Arzt einem Patienten sagt, er habe ein wunderbares Mittel und
ihm dann eine Zuckerpille gibt, so wird der Kranke durch seinen
Glauben gesund werden. Ist das bei Mantren und Gebeten nicht ähnlich,
dass sie durch die Kraft des Glaubens funktionieren?
Antwort: Das erscheint
soweit ganz logisch, aber es gibt da noch einen zusätzlichen
Aspekt bei den Gebeten und Mantren, wodurch sie sich von Placebos
unterscheiden. Aufgrund des jahrhundertelangen Ausführens
dieser Gebete entsteht eine Kraftansammlung. Zudem sind es nicht
einfach gewöhnliche Worte, sondern sie stammen aus dem erleuchteten
Geist frei von Schleiern: Ein Buddha hat sich manifestiert und
gesagt: „Ich gebe Euch dieses Mantra für die Praxis."
Aber er hat nicht nur das getan. Er hat Wunschgebete gemacht und
all seine spirituelle Kraft mit diesem Mantra verbunden, so dass
es zum Wohl der Wesen wirkt. Und nicht nur das, andere erleuchtete
Wesen haben ebenfalls ihre Wunschgebete, ihre Kraft mit diesem
Mantra verbunden und es weitergegeben. Und dann gab es Millionen
und Billionen von Wesen, die damit praktiziert haben, so wie du
sagst, mit Hingabe, Vertrauen und Glaube. So wirkt das Mantra
nicht nur aufgrund unseres kleinen, beschränkten Vertrauens,
sondern aufgrund von all den Kräften und Wunschgebeten, die
damit verbunden sind. Wir als kleine Person verbinden uns mit
der Kraft von Billionen Rezitationen, wir verbinden uns mit etwas,
das unsere Auffassungsgabe übersteigt, mit etwas, das Überträger
eines starken Segens ist.
In den sechs Silben
Om Mani Peme Hung z.B. ist die gesamte Übertragung und spirituelle
Kraft der Linie gesammelt. Alle Lamas haben dieses Mantra praktiziert.
Die einzelnen Silben des Mantras stehen für die verschiedenen
Aspekte des Weges, für die Emotionen und ihre Umwandlung
in Weisheit. Unzählige Wunschgebete und Verwirklichungen
haben sich im Laufe der Zeit mit diesem Mantra verbunden. Genauso
ist es auch mit den christlichen Gebeten, die über Jahrhunderte
benutzt wurden. Sie haben eine Kraft, die über den bloßen
Sinngehalt hinausgeht. Mantras verbinden uns mit der reinen Geisteshaltung
aller Erwachten.
Frage: Aber wenn
das Mantra doch so großartig ist, wieso gibt es dann noch
so viele Leute, die im Leid gefangen sind?
Antwort: Weil es
nicht genug rezitiert wird! Viele Menschen haben mit diesem Mantra,
mit dieser Praxis, bereits Erleuchtung erlangt. Man muss es nur
tun. Es ist ein Wunder, dass man in einem Leben durch die Praxis
von Tschenresi und diesem Mantra Erleuchtung erlangen kann – aber
es ist tatsächlich möglich.
Frage: Gewinnt
das Mantra an Kraft durch die Rezitationen all dieser Praktizierenden?
Antwort: Ja, aber
wir sollten nicht vergessen, dass nicht nur die Kraft des Mantras
und der heilsamen Handlung durch ihre Wiederholung zunimmt, sondern
dass durch die Wiederholung negativer Wünsche gleichzeitig
auch die Kraft der unablässig in dieser Welt ausgeführten
schädlichen Handlungen zunimmt. Die Kräfte, die aufs
Negative ausgerichtet sind, sind in uns wie auch in anderen sehr
stark und unsere Praxis des Heilsamen sollte mindestens genauso
stark sein. Mit der Zeit nimmt dann die Kraft des Nichtheilsamen
in unserem Wesensstrom ab. Das Zufluchtnehmen und Hervorbringen
von Bodhicitta gibt unseren positiven Kräften ihre Ausrichtung.
Sie integrieren sich in den größeren Zusammenhang der
Befreiung und Erleuchtung aller Wesen. Es geht nicht nur darum,
positiv handeln zu wollen, sondern wir müssen diesem Handeln
auch eine klare Richtung geben.
Die Identifikation mit den
eigenen Fehlern und der Ausweg
Eine neue Möglichkeit
zulassen
In diesem Kurs haben
wir schon viel gehört über unsere Anhaftungen und die
Muster, wie Leid entsteht. Wir haben uns darüber ausgetauscht,
wie man diese Muster auflösen und aus den Verstrickungen
herausfinden kann, und jetzt stellt sich eigentlich nur noch die
Frage: Was kann uns überhaupt noch hindern, dies umzusetzen?
Es steht uns ja alles zur Verfügung: Wir haben verstanden,
wo wir feststecken, und wir haben erklärt bekommen, wie wir
herausfinden können – was kann uns noch hindern, in die Befreiung,
in dieses reine Bewusstsein hineinzufinden?
Was uns daran hindert,
wirklich in diese Offenheit zu finden, in diese Entspannung, von
der wir schon viel gesprochen haben, ist eigentlich nur eins:
identifiziert zu sein mit unseren negativen Seiten, mit unserem
jetzigen emotionalen Zustand, und zu glauben, nur so sein
zu können; uns ständig zu wiederholen: „Ich bin zu negativ,
ich bin zu emotional, ich habe einen schlechten Geist, ich habe
schlechte Gedanken – ich bin einfach so. Ich stecke zu tief im
Leid drin, als dass es auch nur eine Möglichkeit gäbe
herauszukommen". Und diese Entschuldigung, mit der wir uns
die Tür zum Befreiungsweg sozusagen vor der Nase zuschlagen
und uns vor der Veränderung drücken, macht unseren Weg
unmöglich.
Solange wir sagen:
„Ja, ich habe zwar viele negative Tendenzen, ich bin sehr ichbezogen,
aber es gibt da auch etwas Anderes, eine Möglichkeit, dass
sich das ändert" – da ist der Weg bereits offen und
wir sind nicht völlig blockiert. Wir lassen es zu, dass Veränderungen
stattfinden und dass sich die Reinheit, von der uns erzählt
wird, vielleicht doch einmal zeigen kann. Wir öffnen unseren
Blick nicht nur für unsere negativen Seiten, sondern auch
für die versteckten Qualitäten.
Wenn ich schaue,
wie es mir geht, dann stelle ich vielleicht tatsächlich fest,
dass ich 99 Prozent der Zeit mit ichbezogenen Gedanken verbringe;
aber gelegentlich taucht ein Moment der Zuneigung auf, ein Moment
der Entspannung und der Freigebigkeit, ein Gedanke des Mitgefühls,
auch wenn es nur ganz selten ist. Und auch, wenn sich diese Gedanken
dann nicht einmal in Worte und Handlungen umsetzen, so zeigen
sie uns doch, dass es da versteckte Qualitäten in uns gibt.
Das zu bemerken öffnet die Tür für den Weg, dann
fallen wir nicht immer wieder zurück in die Identifikation
mit unserer Negativität. Wenn ich sage: „Ich bin so und nicht
anders", und mir immer wieder einrede, dass ich nur so sein
kann, so neurotisch und ängstlich, wie ich halt bin, dann
schreibe ich diesen Zustand fest. Ich erzeuge selber die Blockade,
wenn ich sage: „Das wird sich nie verändern!" Und jedes
Mal, wenn sich Veränderung zeigt, dann sage ich: „Nein, kann
doch nicht sein, ich bin doch ganz anders", und schon ist
die Tür wieder zu und ich falle wieder zurück in meine
gewöhnliche Identifikation.
Das ist das Problem,
dem ein Lama begegnet, wenn er mit Schülern arbeitet. Schüler,
die sich in ihrer Negativität annehmen können und die
zugleich bereit sind, Veränderungen zuzulassen, denen kann
ein Lama helfen. Aber Schülern, die festhalten und sagen:
„Ich kann nur so sein, es wird nie anders sein, ich war schon
immer so und werde immer so sein", denen ist kaum zu helfen.
Da kann der Lama ein noch so inspirierendes Vorbild sein und noch
so beredt sein, er kommt nicht durch, denn die Abwehr ist zu stark.
Im Grunde genommen ist sie Ausdruck unserer Angst zu entdecken,
dass wir doch anders sein können und dass wir uns getäuscht
haben. In dem Prozess der Veränderung werden wir erfahren,
dass wir doch nicht so sind, wie wir gemeint haben zu sein. Das
hat natürlich zur Folge, dass wir uns, wenn wir unsere Vergangenheit
betrachten, sagen müssen, dass wir ziemlich dumm waren, weil
wir so festgehalten haben. Aber das ist gering im Vergleich zu
dem, was wir jetzt entdecken: jede Menge neue Freiheiten und neue
Qualitäten. Also können wir ruhig in Kauf nehmen, dass
wir an etwas Verkehrtem festgehalten haben.