UNTERWEISUNGEN

Einführung und allgemeine Erklärung der Emotionen

Lama Guendune RinpocheDie Einteilung der Emotionen

In den Unterweisungen zu den Emotionen gibt es verschiedene Einteilungen. Man kann z.B. davon sprechen, dass es nur eine einzige Emotion gibt: die Unwissenheit bzw. das Ichanhaften, diese Unkenntnis der wahren, nondualen Natur unseres Geistes. Wir können auch von zwei Emotionen sprechen: Anhaften und Ablehnen. Darin sind ebenfalls alle Emotionen enthalten. Man hält fest oder weist etwas von sich. Dann können wir auch von drei Emotionen sprechen: Unwissenheit, Begierde und Wut. Im Abhidharma werden ebenfalls diese drei genannt plus Stolz, Zweifel und irrige Anschauungen. Dies sind die sechs Hauptemotionen, die Erleuchtung verhindern. Eine Emotion ist aus Dharmasicht stets ein Geisteszustand, der wahre Erkenntnis verhindert.

In unserem Kurs werden wir uns einer Darstellung von fünf Hauptemotionen bedienen, wie wir sie im Tantra, dem Vajrayana finden. Dabei bildet Unwissenheit das Zentrum und um sie herum sind als Folge der Unwissenheit Wut, Stolz, Begierde und Eifersucht angeordnet. Sie bilden einen kompletten Kreis, das Mandala oder Kraftfeld emotionaler Verdunkelung. Durch Erkenntnis von Unwissenheit und Anhaften befreit, zeigen sich diese Emotionen als das erleuchtete Mandala der fünf Aspekte ursprünglichen Gewahrseins, das reine Bewusstsein, welches die eigentliche Natur aller Emotionen ist.

Der Weg des Buddha zeigt uns, wie wir mit der reinen Energie, der Essenz der Emotionen Kontakt aufnehmen und ihre wahre Natur erkennen können. Was heute das Mandala des Ichanhaftens oder Samsaras ist, wird sich dann als das Mandala des erleuchteten Bewusstseins manifestieren: das Gewahrsein des Raumes der Phänomene (Dharmadhatu) im Zentrum umgeben von seinen vier Hauptaspekten: dem spiegelgleichen Gewahrsein (statt Wut), dem Gewahrsein der Gleichwertigkeit aller Phänomene (statt Stolz), dem alles unterscheidenden Gewahrsein (statt Begierde) und dem alles vollendenden Gewahrsein (statt Eifersucht).

In den fünf ersten Tagen des Kurses werden wir uns mit diesen fünf Hauptemotionen befassen. Dann werden wir uns Ängste und Schuldgefühle näher anschauen. Wir sprechen im Abhidharma von Angst nicht als einer Emotion für sich, da sie sich mit jeder anderen Emotion verbindet. Aber sie ist so allgegenwärtig, dass wir ihr eine Unterweisung widmen werden. Und Schuldgefühle sind speziell hier im Westen eines der Haupthindernisse auf dem spirituellen Weg, weshalb wir auch von Schuldkomplexen, Minderwertigkeitsgefühlen und negativen Identifikationen sprechen wollen.

Ursprüngliches Gewahrsein, die Essenz der Emotionen

So wie Unwissenheit die Quelle aller Emotionen ist, so können wir auch sagen, dass das ursprüngliche Gewahrsein des offenen Raumes des Dharmadhatu, die Leerheit, die Quelle aller Formen des Gewahrseins ist. Wir sollten nicht denken, dass es da fünf getrennte Weisheiten gäbe. Es gibt nur eine – und die hat wie ein Diamant viele Facetten. Diese Facetten sind integraler Bestandteil der einen höchsten Weisheit. Manchmal sprechen wir zwar von fünf Weisheiten, aber das sollte uns nicht verwirren, es handelt sich stets um ein und denselben Geisteszustand. Wenn eine dieser Formen des ursprünglichen Gewahrseins verwirklicht ist, sind alle verwirklicht. Und so wie es nicht eine Weisheit ohne die anderen gibt, genauso gibt es auch nicht eine Emotion ohne die anderen. Wo Unwissenheit ist, sind auch alle anderen, genauso für Stolz, Angst usw. – und wenn wir eine Emotion vollständig gereinigt haben, dann sind alle Emotionen gereinigt, denn man kann nicht eine Emotion reinigen, ohne zwangsläufig auch mit allen anderen zu arbeiten. Die Emotion, mit der wir arbeiten, ist stets die, die sich gerade jetzt zeigt, und nicht etwa die, die erst morgen auftauchen wird. Wir arbeiten stets in der Gegenwart.

Die Arbeit mit den Emotionen in fünf Etappen

Wir können allgemein fünf Etappen unterscheiden bei unserer Arbeit mit den Emotionen, so wie es Karma Tschagme Rinpotsche, ein großer tibetischer Meister, in seinen „Unterweisungen auf dem Berge" beschreibt. Diese Unterweisung wurde von Gendün Rinpotsche gegeben und auf Deutsch als „Der Große Pfau" publiziert. Darin beschreibt Rinpotsche die fünf folgenden Etappen:

Erste Etappe: Innehalten – die Emotion kontrollieren und ihr Schranken setzen

Die erste Etappe besteht darin, „Stop!" zu sagen, das heißt, der jeweiligen Emotion Einhalt zu gebieten, da sie unweigerlich zu Leid führen wird. Ich will z.B. gerade wütend auf jemanden einschlagen und sage mir in diesem Moment innerlich: „Halt, stop! Mach' nicht weiter. Das führt nur zu Leid!" Oder ich bin gerade versucht, mich von Begierde verleiten zu lassen und sage mir: „Halt! Du gehst zu weit. Das bringt Chaos und Leid!"

Der erste Schritt besteht also darin, innezuhalten und den Auswüchsen der Emotion energisch entgegenzutreten, sich mit Willenskraft zu bezähmen: „Nein, das reicht, ich werde nicht töten. Nein, ich werde nicht stehlen, nicht lügen, nicht fremdgehen usw." Wir geben uns einen Handlungsrahmen, den wir nach bestem Vermögen respektieren. Diesen Rahmen brauchen wir, um das Schlimmste zu vermeiden, und innerhalb dieses Rahmens wird sich unsere gesamte Arbeit mit den Emotionen abspielen.

Wir entscheiden uns, niemanden zu schlagen, unsere Versprechen einzuhalten usw. Wir setzen uns selbstgewählte Grenzen für unsere Arbeit mit den Emotionen dort, wo wir es im Nachhinein bereuen würden, weitergegangen zu sein. Wer die Grenzen respektiert, wird weniger Schuldgefühle haben. Das Ansammeln von negativem Karma und ständige Bedauern muss ein Ende haben.

Die gezogenen Grenzen können individuell verschieden sein. Im Dharma vermeiden wir an erster Stelle die zehn nichtheilsamen Handlungen (die in Bezug auf den Körper habe ich bereits aufgezählt). Die Redehandlungen sind ebenfalls extrem wichtig: verletzende Rede aufzugeben, sowie Lügen, Geschwätz und Verleumdung. Diese Handlungen nutzen nichts und bringen nur Leid. Auch im Aufgeben dieser Handlungen sollten wir uns üben. Wenn ich in üble Nachrede verfalle, sollte ich mir sagen: „Du wirst das nachher bereuen, es wird jede Menge Wirbel und Probleme bringen und unsere Freundschaft zerstören. Hör auf. Sprich nicht so!" Wir grenzen den Schaden ein, der durch unbesonnenes Reden entsteht. Die erste Etappe ist also, sich nicht mehr dem ungezügelten Ausleben der Emotionen hinzugeben. Wir geben nicht die Emotionen auf, sondern die daraus entstehenden nichtheilsamen Handlungen.

Zweite Etappe: Gegenmittel anwenden

Die zweite Etappe besteht darin, Gegenmittel anzuwenden, die zu einer Abschwächung der Emotion in uns beitragen. Wenn ich z.B. in Momenten der Begierde-Anhaftung die Vergänglichkeit des begehrten Objektes kontempliere, die Tatsache, dass dieses Ding oder diese Person sich wandelt und keine dauerhafte Quelle der Freude ist, so mäßigt sich mein Verlangen. Ich werde etwas nüchterner. Solch eine Kontemplation kann sehr hilfreich sein, sie ist ein Gegenmittel und kann zum völligen Verschwinden der entsprechenden Emotion führen.

Während also die erste Etappe in dem Entschluss besteht, sich aus Sorge um das Wohl anderer (wie auch seiner selbst) nicht von Emotionen mitreißen zu lassen, so geht es in der zweiten Etappe darum, innerhalb der bereits gezogenen Grenzen die emotionale Spannung in unserem Geist zu reduzieren. Wir werden in den Nachmittagsgruppen vieler solcher Gegenmittel kennenlernen.

Dritte Etappe: Die Emotionen transformieren – eine weite Geisteshaltung kultivieren

Im dritten Schritt geht es darum, die Emotionen zu transformieren, indem wir eine neue Geisteshaltung oder Sichtweise zur Anwendung bringen. Dafür nutzen wir z.B. die Tschenresi-Praxis. Wir üben uns in der Geisteshaltung des Buddhas des Mitgefühls. Wenn es uns gelingt, ganz in die Weite seines Geistes einzutauchen, sehen wir die in uns aufsteigenden Emotionen nicht mehr als Feinde, mit denen wir kämpfen müssen, sondern als spontanen Ausdruck von Tschenresis Geist, der uns etwas zeigt. Er zeigt uns unser Anhaften, gibt uns die Gelegenheit, um noch tiefer loszulassen und die innere Entspannung zu vertiefen. Emotionen werden jetzt zu etwas Willkommenem, wir brauchen nicht mehr gegen sie anzugehen. Sie sind einfach eine Herausforderung, tiefer in das offene Bewusstsein erleuchteten Mitgefühls hineinzufinden. Im Loslassen lösen sie sich sofort auf.

Wir erkennen, dass Emotionen keinerlei Dauer und keinerlei Substanz haben, sobald sie in eine zutiefst positive Geisteshaltung hinein entspannt werden. Sie tauchen zwar noch für einen Moment in ihrem ursprünglichen Kleid von Begierde, Wut u. dgl. auf, werden aber schnell transformiert. Hass steigt auf und fällt schnell in sich zusammen, denn er kann dieser Öffnung nicht widerstehen – das Mitgefühl gewinnt und wird sogar noch stärker als vor der Emotion. Begierde zeigt sich, aber kann in dieser Offenheit auch nicht anders als sich auflösen – die Liebe siegt und ist noch stärker als zuvor, denn sie hat die Energie der Begierde integriert. Ihre Energie wird durch das Loslassen freigesetzt und zeigt ihre wahren Qualitäten. Das ist die Transformation von Emotionen.

In dieser Phase arbeiten wir mit einem Geisteszustand, der sehr viel weiter ist als der zuvor. Er zeigt sich allmählich aufgrund der Arbeit mit den Etappen 1 und 2. Zuerst müssen wir die schädlichen Handlungen aufgeben, dann müssen wir sehr geschickt im Anwenden der Gegenmittel werden und erst dann können wir ans Transformieren gehen. Lassen wir die Emotionen einfach kommen, ohne ihnen Einhalt gebieten und ohne Gegenmittel anwenden zu können, dann werden wir sie nicht transformieren, sondern uns in völliger Verwirrung wiederfinden. Sie werden uns an der Nase herumführen und wir werden keineswegs tiefere Entspannung finden.

Wenn wir vom Transformieren der Emotionen hören, so spricht uns das meist sehr an und wir hätten Lust, die ersten beiden Etappen zu überspringen. Dies ist aber völlig unmöglich. Das Sich Anfreunden mit den Emotionen setzt voraus, dass sie uns nicht mehr gefährlich werden können und das ist nur dann gewährleistet, wenn wir sie in Schach halten und notfalls mit Gegenmitteln auflösen können. Sonst wird z.B. Wut in uns aufsteigen und unser Mitgefühl ist plötzlich nirgends mehr zu finden. Die Wut wird sich ausbreiten und alles unter sich begraben. Um das zu vermeiden, schaffen wir durch das Anwenden der Gegenmittel zunächst etwas Freiraum und Handlungsfreiheit und erst dann nutzen wir die Emotionen zur Transformation in ein weiteres Bewusstsein.

Vierte Etappe: Die Emotionen in ihrer wahren Natur befreien

Die vierte und die fünfte Etappe sind nicht Teil der Unterweisungen dieses Kurses. Die vierte Etappe bestünde darin, die wahre Natur der Emotion zu erkennen: direkt in die Emotion zu schauen und ihre Leerheit, die Abwesenheit konkreter Existenz zu sehen. Die Emotion ist unwirklich und existiert nicht als ein Etwas, sie ist nur eine Bewegung im Geist, ohne Substanz, befreit im Moment ihres Erkennens. Um dies praktizieren zu können, müssen wir zunächst die ersten drei Etappen meistern. Die Anweisungen hierzu sind jedoch sehr einfach: Betrachte unmittelbar denjenigen, der die Emotion hat, oder schaue ins Herz der Emotion selbst. Wir wenden den inneren Blick entweder dem Subjekt oder dem Objekt zu. Aber damit sich dann im Moment des Schauens die Emotion tatsächlich als leer und illusorisch enthüllt, müssen wir wissen, wie man schaut und müssen bereits ausreichend entspannt und offen sein.

Fünfte Etappe: Die Emotionen als Weg nehmen

Die fünfte Etappe besteht darin, die Emotionen als Weg zu nehmen, d.h. sie zu stimulieren, um wieder und wieder ihre Natur, die Natur des Geistes zu sehen und sämtliche noch bestehenden emotionalen Schleier aufzulösen. Auf dieser Stufe gilt: je mehr Emotionen, desto mehr Verwirklichung. Aber auch hier gilt: Aufgepasst, überspringt nicht die vorherigen Stufen!

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