UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Das
Ändern des Selbstbildes: die eigene Buddhanatur akzeptieren
Um uns herauszuführen
aus diesem Selbstbild, wo wir uns mit unseren Negativitäten
identifizieren, brauchen wir ein alternatives Selbstbild, eine
Ahnung von der anderen Seite von uns. Und deswegen handelt das
erste Kapitel in Gampopas „Schmuck der Befreiung" von der
Buddhanatur. Er sagt uns direkt zu Anfang des Weges: „Ihr habt
etwas in euch, einen Schatz, den ihr noch gar nicht kennt. Er
ist in euch wie in allen Wesen, ob Ihr es glaubt oder nicht! Die
Erleuchteten, die Buddhas, sagen Euch: Dieses Potential befindet
sich in einem jeden Lebewesen, da gibt es gar keinen Zweifel"!
Und diese Aussage der Buddhas weckt ein Vertrauen in uns, eröffnet
die Möglichkeit, einem anderen Selbstbild Raum zu geben und
zu sagen: „Offenbar gibt es da noch etwas Positives, das ich noch
nicht entdeckt habe, und ich kann dieses Positive, ursprünglich
Reine in mir hervorbringen. Unser ganzer weiterer Weg ergibt sich
aus diesem neuen Bewusstsein dessen, was in uns möglich ist.
Um dieses Streben
nach dem schlummernden Potential und diese andere Wahrnehmung
von uns selbst zu wecken und nicht einschlafen zu lassen, sprechen
wir häufig über die Erleuchtung und die Qualitäten
der Buddhas und Bodhisattvas. Wenn wir uns darauf einlassen, werden
wir merken: „Ja tatsächlich, diese Buddhanatur ist nicht
außerhalb von uns, sondern in uns!" Über die Buddhanatur
zu hören ist ein Ansporn für unseren Weg, ein Licht
am Horizont. Wir möchten herausfinden, ob das stimmt, dass
die Buddhanatur tatsächlich in uns ist! Falls diese Qualitäten
tatsächlich in uns sind, möchten wir in diesem Leben
nicht daran vorbeigehen. Wenn wir diese Unterweisungen über
die Buddhanatur nicht hören würden, könnten wir
glauben, dass wir durch und durch nur ichbezogen sind. Aber zum
Glück scheint es da noch etwas anderes zu geben und in der
Dharmapraxis bewegen wir auf uns dieses andere zu.
Die Buddhanatur,
diese Reinheit unseres ursprünglichen Geistes, können
wir nicht durch Anstrengung und Willen verwirklichen. Es ist nicht
so, dass wir das Unreine rein machen können, dass wir uns
einfach entscheiden könnten, rein zu sein. Die Erfahrung
der Reinheit wird erfahren als ein Segen, als etwas, was sich
trotz unseres Anhaftens manifestiert, trotz unserer Ichbezogenheit.
Trotz unseres Wollens und Strebens entstehen Momente der Offenheit,
das ist das Überraschende. In dem Moment, wo wir mit wirklichem
Loslassen in Berührung kommen, wissen wir genau, dass wir
das nicht erzeugt haben. Wir erleben diesen Augenblick als Segen,
fast so, als würde er von außen kommen, einfach weil
es von außerhalb unserer ichbezogenen Welt kommt. Es ist
so, als würde etwas Eingang finden, durchdringen, durchschimmern,
was nichts mit unserer normalen Welt des Anhaftens zu tun hat.
Segen und das
Auflösen unserer Ego-Festung
Wenn wir schauen,
was passiert, wenn sich solcher Segen, solche Offenheit, in unserem
Geist zeigt, dann ist es eigentlich nur, dass wir für einen
Moment die Kontrolle vergessen haben und nicht im völligen
Haften waren. Es entstand da eine Lücke, ein kleiner Raum,
wo das Ichanhaften keinen Zugriff hatte. Und in dieser Lücke
hat sich die natürliche Offenheit zeigen können, hat
durchgeschimmert. Wir erleben das so, als wäre das von außen
gekommen, weil die Mauern unseres Ichanhaftens für einen
Moment löchrig geworden waren. Aber natürlich ist das
nicht passiert, weil etwa ein Buddha von außerhalb jetzt
gerade seinen Segen geschickt hätte. Der Segen der Buddhas
ist immer da, nur diese Lücken gibt es nicht allzu häufig.
Wenn wir nachschauen,
woher dieser Segen, diese Offenheit, kommt, dann finden wir immer
nur die Offenheit selbst, diesen Zustand des Gelöstseins
frei von allen Anhaftungen. Und das, was wir als Löcher in
unserer Ego-Burg wahrnehmen, ist im Grunde genommen nur das Phänomen,
dass der innere Raum unserer kleinen Welt anfängt, sich mit
dem äußeren Raum der gesamten Welt zu vermischen. Unser
kleines, ichbezogenes Bewusstsein öffnet sich für den
gesamten Raum dessen, was Bewusstsein eigentlich ist.
Gendün Rinpotsche
sagte, unser Geist sei wie eine Tasse, die mit einem Deckel geschlossen
war – und wenn sich der Deckel hebt, merken wir plötzlich,
dass der kleine Raum innen drin der gleiche Raum ist, wie der
Raum außerhalb der Tasse. Der Raum innen und der Raum draußen
waren nie verschieden. Der Moment des Segens ist der Moment, in
dem unsere geliebte, bekannte Tasse kaputt geht. [Ach, die selbe
Tasse von vorher! (Gelächter)] Es ist der Moment des völligen
Loslassens von Anhaftungen. Wenn wir nicht mehr anhaften, entsteht
Raum und der Raum der Phänomene, der Raum der Erscheinungswelt,
kann sich in unserem Geist zeigen. Wir nennen diesen Raum den
Dharmadhatu, den Raum der ursprünglichen Wirklichkeit – er
tut sich uns auf, wenn unsere Verteidigung löchrig wird.
Die gesamte Praxis
des Dharma hat zum Ziel, Löcher in unserer Mauer des Ichanhaftens
zu schaffen, Zugang zu finden zu dem Raum, der hinter den Mauern
unserer Verteidigung liegt. Das erste Loch ist das schwierigste
Loch. Wenn das erste Loch entstanden ist und dieser andere Bewusstseinsraum
schon einmal hereingeschimmert hat und zu uns durchgedrungen ist,
dann wird die Kraft dieser Erfahrung es uns erleichtern, neue
Löcher zuzulassen; wir lassen zu, dass unsere Verteidigung
weiter zusammenbricht.
Es ist nicht so,
dass diese Löcher mit dem Pickel und dem Hammer gemacht werden
müssten. Wir werden vergeblich versuchen, diese Mauer mit
dem Willen zu durchlöchern. Sie wird immer stärker,
je stärker wir gegen sie angehen. Kraft und Gegenkraft bedingen
sich gegenseitig. Dieser Tisch übt umso größere
Kraft auf meine Hand und meinen Arm aus, je stärker ich mich
auf ihn stemme. Er drückt mit genau der gleichen Kraft zurück,
wie ich gegen ihn andrücke. Genauso ist es auch mit dem Ichanhaften:
Je stärker wir dagegen angehen und es mit dem Willen auflösen
wollen, desto mehr verhärtet sich unser Ichanhaften. Wir
haben nur die Möglichkeit, mit dieser Mauer sehr intelligent
umzugehen, sehr weise: sie sein zu lassen und uns gar nicht groß
um sie zu kümmern, sondern ihr sozusagen den Boden zu entziehen,
das, was diese Mauer immer wieder in unserem Geist aufbaut. Und
das tun wir, indem wir uns schon mal mit dem Raum verbinden, der
sich innerhalb der Mauern finden lässt.
Wir lassen innerhalb
der Mauern unseres Ichanhaftens einfach immer mehr Raum zu. Unser
kleines, enges Gefängnis, in dem wir nur noch gegen Mauern
rannten und uns den Kopf stießen, kommt uns plötzlich
recht weit vor. Die Mauern bekommen keine Löcher, sondern
werden auf einmal transparent, wir beginnen, durch sie hindurch
zu schauen. Das ist die beste Weise, mit den Mauern umzugehen:
ihre Festigkeit einfach nicht mehr zu bestärken, indem wir
ständig sagen: „Ja, es sind ganz solide, undurchdringliche
Mauern." Diese Mauern hat unser Geist aufgebaut und nun müssen
wir diese Mauern entspannen. Indem wir ihnen keinerlei Nahrung
mehr geben, lösen sie sich auf, werden transparent und stellen
sich als Illusionen heraus.
Denn diese Mauern
haben nie existiert. Obwohl ich jetzt schon eine halbe Stunde
von ihnen spreche, hat es diese Mauern nie wirklich gegeben. Es
wird sie auch nie geben – sie sind nur momentane Eindrücke
im Geist, wo wir glauben, sie existieren. In dem Moment, wo der
Glauben an diese Mauern vorbei ist, ist auch die Mauer vorbei
– die Mauern werden nicht mehr genährt und stürzen ein
bzw. lösen sich auf. Es gibt da niemanden mehr, der sagt:
„Ich bin so und so, und ich muss mich gegen dies und das verteidigen!"
Wir müssen alles, was die Mauern verstärkt, sein lassen!
Aufhören mit den schädlichen Handlungen, die diese Mauern
verstärken – einfach aufhören, sie auszuführen!
Dann werden sich auch die karmischen Folgen dieser Handlungen
erschöpfen, die diese Mauern erzeugen, und ganz natürlich
wird dann die Offenheit Eingang finden.
Wenn wir den Raum
entdecken, die Räume, die Lücken, die es in unserem
Ichanhaften ständig hat, dann entdecken wir im gleichen Augenblick
den Raum, den es außerhalb von unserem Ichanhaften gibt.
Das sind nicht zwei verschiedene Räume; der Raum in der Tasse
und der Raum außerhalb sind immer ein und derselbe Raum.
Indem wir den Raum in unserem eigenen Geiste entdecken, entdecken
wir auch die Offenheit im Geiste aller anderen.
Derjenige, der die
Buddhanatur in sich selbst freilegt, wird auch Zugang zur Buddhanatur
aller anderen Wesen finden. Er versteht in dem Moment die Natur
des Geistes nicht nur von sich selbst, sondern von allen Wesen.
Um es mit unserem Beispiel auszudrücken: Wenn jemand das
Innere der Tasse, den Raum innerhalb der Tasse versteht, versteht
er auch den Raum außerhalb der Tasse, weil die beiden nicht
verschieden sind.
Wir können den
gesamten Prozess der spirituellen Praxis als diesen Prozess des
Empfangens von Segen beschreiben – dieses Gefühl, dass uns
ein Geschenk zuteil wird, eine Gnade, ja, als ob uns die reine
Dimension unseres Geistes ein Geschenk macht in diese unreine
Dimension hinein, wo wir erkennen dürfen, was unsere wahre
Natur ist. Deswegen finden wir überall Beschreibungen, als
würde uns Segen aus einer anderen Dimension zuteil werden
– der ichbezogene Intellekt versteht allmählich, was seine
wahre Natur ist.
Das Gewahrsein des
nichtbegrifflichen Erkennens durchdringt allmählich auch
unsere normale Welt des Anhaftens, bis sich schließlich
auch noch das Anhaften daran auflöst, dass da ein Ich irgendetwas
verstanden hat. In den Momenten des Erkennens gibt es kein Ich,
das versteht. Aber nachher denken wir oft, wir hätten
etwas verstanden. Und auch dieses Wir, dieses Ich, das so dankbar
ist, etwas zu verstehen, löst sich auf; es fällt von
selber ab, fällt in sich zusammen und verschwindet. Dann
ist nur noch Natürlichkeit da, einfaches Sein, wo es nicht
einmal mehr das Gefühl gibt, man hätte etwas verstanden.
Es kommt einem ganz seltsam vor, dass da ein Ich etwas verstanden
haben sollte, weil weder das Ich noch ein Verständnis zu
finden sind – nur entspannte, natürliche Offenheit.
Von diesem offenen
Raum heißt es, dass er „selbstgewahr" ist, doch das
sind nur Worte, um darauf hinzuweisen, dass in dieser Offenheit
eine spontane Weisheit aktiv ist, ohne dass diese ein Zentrum
der Identifikation hätte. Es gibt niemanden, der etwas versteht,
und letzten Endes auch nichts, kein Etwas, dass zu verstehen wäre.
Das ist das große Verständnis, das große Geheimnis
der zu ihrer wahren Natur erwachten Meister. Es mutet uns zunächst
wie ein Rätsel oder ein schlechter Scherz an, aber es lässt
sich nur in solchen Paradoxen ausdrücken. Die Abwesenheit
aller Identifikationen ist jenseits von Worten und Beschreibungen.
Wenn wir damit in Kontakt kommen, erfahren wir dies als ein unglaubliches
Geschenk, als einen riesigen Segen. Und dieser Segen öffnet
uns, dieses ichbezogene Wesen, immer mehr bis sich alles Haften
an einem Wesenskern in dieser Öffnung auflöst.