UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
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Start auf der Bühne unseres Lebens
Eine neue Rolle
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In den Unterweisungen
der letzten Tage haben wir das Szenario des Schauspiels beschrieben,
das wir Tag für Tag in unserem Leben aufführen. Dieses
theatralische Stück, unsere Rolle und alle Szenen, wurde
bisher von den Emotionen geschrieben; es ist das Schauspiel unserer
Emotionen. Wir sind selbst die Hauptdarsteller, doch jetzt haben
wir ein Gefühl dafür bekommen, dass dieses Theater nichts
als eine Projektion unseres Geistes ist. Wir sind die ganze Zeit
in diesem Film, diesem Drama und denken, es sei eine Tragödie.
Aber wenn wir genauer hinschauen, ist es eigentlich ziemlich erheiternd.
Mit etwas Abstand und einem Blick hinter die Kulissen scheint
es sich eher um eine Komödie zu handeln. Uns geht auf: „Sieh
mal an, ich habe immer geglaubt, was ich erfahre, sei wirklich
– aber eigentlich ist es nicht mehr als ein Traum. Ich bin auf
der Theaterbühne meiner Projektionen und kann sogar meine
Rolle ändern. Ich könnte ja mal versuchen, eine andere
Rolle als die schon so vertraute zu spielen. Wenn mir die alte
nicht mehr gefällt, kann ich sie aufgeben. Wie wäre
es überhaupt mit einem neuen Stück, z.B. dem 'Weg zur
Befreiung'?"
Wenn wir uns tatsächlich
dazu entschließen, dieses neue Stück zu spielen und
uns darin auf den Erleuchtungsweg zu machen, dann müssen
wir ein wenig den Rollenwechsel üben. Wir beginnen da, wo
wir gerade sind, und je weiter das Stück fortschreitet und
wir an uns arbeiten und den Dharma anwenden, desto leichter und
unbeschwerter wird es, bis sich die Befreiung einstellt. wir lassen
die samsarische Rolle hinter uns und arbeiten an unseren Projektionen,
um die erleuchtete Rolle spielen zu können.
Wer sagt uns, wir
könnten nicht aus unserer bisherigen Rolle aussteigen? Müssen
wir uns ständig einreden, wir könnten uns nicht ändern,
und uns dadurch in den bestehenden Mustern einschließen?
Nein, wir haben doch den Dharma. Wir können unseren Entscheidungsspielraum
nutzen und dem Spiel eine andere Richtung geben. Der Weg liegt
offen vor uns, alle Rollen sind neu zu besetzen. Wir können
aus Dämonen Engel machen, aber das braucht natürlich
Übung. Jede neue Rolle braucht Übung, wir müssen
uns in sie hineinfühlen, hineintasten, bis wir sie ganz und
gar ausfüllen. Die bekannte Rolle brauchen wir nicht weiter
einzustudieren. Jetzt müssen wir üben, mit unseren Projektionen
auf neue Art und Weise umzugehen, damit in dieses Spiel mit den
Projektionen immer mehr Leichtigkeit kommt und sich das Schauspiel
unserer Befreiung auch wirklich vollzieht.
Das Schauspiel
unseres Lebens: Vom Drama zum Dharma
Es gibt ein bekanntes
Sutra über das Leben des Buddha mit dem Titel „Das Schauspiel
der Befreiung". Dieses Sutra (auf Sanskrit: Lalitavistara
Sutra) beschreibt die beiden letzten Leben des Buddha: seinen
Weg als Bodhisattva im Leben zuvor und sein Leben in Indien, wo
er Buddhaschaft erlangte. Wir selbst sind ebenfalls in solch einem
Schauspiel – wir beginnen dieses Schauspiel mit seinen vielfältigen
Projektionen anzunehmen und das Beste daraus zu machen. In diesem
Schauspiel hat es jede Menge Herausforderungen, aber im Grunde
genommen sind sie kein wirkliches Problem.
Für jede Herausforderung
gibt es eine Antwort, fast immer die gleiche: „Loslassen",
„Entspannen". Unsere Rolle in diesem Schauspiel wird sich
in dem Maße verändern, wie wir es lernen loszulassen.
Wir werden dadurch neue Freiräume entdecken und uns auf neue
Art und Weise verhalten können. In diesem Spiel ist es uns
möglich, die Rollen in dem Maße zu wechseln und neue
auszuprobieren, wie wir etwas Abstand gewinnen und den Dharma
zur Wirkung bringen können. Wenn wir etwas geistige Ruhe
entwickeln, etwas Achtsamkeit, dann können wir, statt wie
üblich in den normalen Reaktionsmustern weiterzugehen, innehalten
und einen etwas anderen Weg einschlagen. Wir können andere
Emotionen spielen: statt Wut, können wir Mitgefühl spielen.
Das ist ein sehr viel angenehmeres Spiel. Statt unseren bisherigen
Mustern auf den Leim zu gehen und uns im persönlichen Drama
zu verstricken, können wir neue Verhaltensweisen ausprobieren.
Und diese Freiheit entsteht durch das Anwenden der Dharma-Methoden.
In unserem Spiel entdecken wir das Spiel des Mitgefühls,
der Liebe, der Freude, der Großzügigkeit usw. Und wir
entdecken, dass auch all dies nur Spiel ist, dass all das ebenfalls
nur Projektion des eigenen Geistes ist. Auch das Leben eines Dharmapraktizierenden
ist nur Spiel. Es hat keine wirkliche Substanz, nichts Bleibendes.
Aber es ist ein Spiel,
das jetzt kein Leid mehr verursacht und das anderen hilft, aus
ihrer Tragödie heraus in dieses sehr viel leichtere und heiterere
Spiel zu finden. Und schließlich, wenn wir ganz geübt
sind in all den verschiedenen Rollen, dann werden wir voll bewusst,
dass alles ohne Ausnahme nur Manifestation des Geistes ist, ohne
Substanz, vergänglich, das illusorische Spiel der Dynamik
dieses offenen, leeren Geistes. Da gibt es kein Ich in diesem
Spiel. Es gibt nur Gedanken, Worte und Handlungen die entstehen
und vergehen – und in diesem Spiel der Gedanken, Worte und Handlungen
gibt es niemanden, der sie ausführt. Dann sind wir völlig
frei in diesem Spiel. Aus dem grausamen, tragischen Spiel des
Samsara ist das Spiel der Befreiung geworden, das Spiel der erleuchteten
Aktivität. Aber nichts von alledem besteht letzten Endes
wirklich in dem Sinne, dass es da ein Ich gäbe, das sich
mit anderen konkreten Ichs in Beziehung setzt.
Wenn wir wirklich
den Wunsch haben, aus dem jetzigen Drama auszusteigen, dem Drama
unserer bisherigen Existenz, dem Gefangensein in alten Mustern,
dann können wir uns vorstellen, der Vorhang würde fallen
und damit wäre der erste Akt abgeschlossen. Wir haben eine
Verschnaufpause, einen Moment, wo wir uns sammeln können,
wir gehen auf einen Kurs über Emotionen und siehe da, Ende
des Kurses haben wir eine Idee, wie unsere neue Rolle aussehen
könnte, was wir verändern möchten im Vergleich
zum ersten Akt. Der Vorgang geht wieder hoch, wir fahren nach
Hause, der zweite Akt beginnt. Später werden der dritte,
vierte usw. folgen. Damit dieser zweite Akt beginnen kann, muss
erst einmal der Vorhang fallen, wir müssen abschließen
mit dem, was vorher war, und uns bewusst dem zuwenden, was jetzt
kommt. Wir müssen uns klar werden, was wir in diesem zweiten
Akt zum Ausdruck bringen wollen, was uns damit wichtig ist. Und
damit wir diese neue Rolle tatsächlich spielen können,
brauchen wir vermutlich Hilfsmittel und etwas Übung, so wie
Schauspieler auch nicht einfach auf die Bühne stolpern, ohne
sich vorzubereiten. Der erste Akt war völlig improvisiert;
wir hatten im Grunde keine Ahnung, wo es in dem Stück hingeht
und wer eigentlich der Regisseur ist. Wir dachten vielleicht,
es sei das Schicksal, aber jetzt ahnen wir, dass wir eine Menge
dabei mitentscheiden können. Und das wollen wir ausprobieren.
Wir haben Lust auf einen etwas leichteren zweiten Akt. Aber damit
er uns wirklich leichter fällt, brauchen wir Dharmapraxis.
Wir sollten also schauen, dass in diesem zweiten Akt immer – jeden
Tag zumindest eine Viertelstunde – Übung dabei ist, die uns
in die Lage versetzt, allmählich unsere Rolle zu ändern.
Dieses Üben
ist nicht etwa ein ganz ernstes Unterfangen, bei dem wir uns jetzt
dem Sinn des Lebens zuwenden und ganz steif werden, weil wir uns
dem Höchsten zuwenden, sondern wir üben loszulassen,
lockerer zu sein, spielerischer mit uns selbst, ohne aus allem
ein Problem zu machen. Und weil wir in der Meditationspraxis aus
den Dingen kein Problem machen, werden wir auch weniger dazu neigen,
im Alltag Probleme aus den Gedanken, den Emotionen, zu machen.
Darum geht es.
Wir wissen jetzt,
was wir bisher gespielt haben, das ist uns vertraut. Jetzt können
wir neue Rollen entdecken und kommende Situationen mal ganz anders
angehen. Dazu braucht es einen Geist der Neugierde, ein Interesse,
eine Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, ein Wagnis oder
Risiko einzugehen. Das ist, was wir jetzt brauchen, denn es ist
ja nicht so leicht, sich mit einer neuen Rolle auf die Bühne
zu stellen. Es schauen ja alle zu und die Rolle ist uns noch nicht
so vertraut. Da braucht es Mut.
Wir müssen uns
einen kleinen Ruck geben, den Schritt in den zweiten Akt hineinzutun
und die Person, die wir waren, hinter uns zu lassen und in die
neue Rolle hineinzuwachsen. Habt keine Angst, sondern lasst Euch
darauf ein, die Vision Eures zweiten Aktes tatsächlich auch
zu spielen. Zu Anfang kann es ja ruhig schiefgehen, es ist ja
nur ein Spiel. Dann fangen wir eben wieder von vorne an, bis wir
uns an diese neue Rolle gewöhnt haben. Und irgendwann wird
wieder der Vorhang fallen, wir kommen wieder auf einen Dharmakurs
und ganz frisch und begeistert stürzen wir uns dann in den
dritten Akt. So entwickelt sich unser Leben von einem Akt zum
anderen. Ja, und irgendwann sterben wir dann, das ist der letzte
Akt in diesem Leben. Und die Art und Weise unseres Sterbens wird
die Frucht all dessen sein, was wir in diesem Leben praktiziert
haben: wie mutig wir geworden sind, wie weit wir uns von unseren
Ängsten befreit haben – das wird sich im Tod zeigen. Doch
noch ist kein Ende des Schauspiels in Sicht: der Vorhang geht
wieder auf und unser Auftritt im Bardo, dem Nachtodzustand, beginnt,
und von dort geht es immer weiter, bis wir ganz in die erleuchtete
Aktivität hineingefunden haben. Bis dahin mag einige Zeit
vergehen, aber es gibt auf diesem ganzen Weg nichts, was wirklich,
ernsthaft ein Problem wäre.
Es gibt nur immer
wieder Herausforderungen, denen wir uns neu stellen, an denen
wir reifen und wachsen, um noch besser die Rolle des Bodhisattvas
spielen zu können. Jetzt geht es darum, die Rolle des Bodhisattva
zu entdecken, uns zu fragen: Was für eine Rolle hat der Bodhisattva
in dieser Welt? Was ist seine Aufgabe in diesem Leben? Als wachsende
Bodhisattvas lassen wir uns immer mehr darauf ein, viele verschiedene
Rollen zu spielen und nicht nur eine. Wir üben uns darin,
verschiedene Sichtweisen anzunehmen und auf viele Arten und Weisen
Öffnungen um uns herum in Gang zu bringen – bis wir schließlich
in der Lage sind, in jeder Situation genau die Rolle zu manifestieren,
die dieser Situation am hilfreichsten ist. Das ist ein Buddha.
Ein Buddha hat überhaupt
keine Grenzen mehr im Geist, keine Tendenzen, die ihn hindern
würden, irgendeine beliebige Form oder Manifestation anzunehmen.
Seine Worte sind ungehindert von persönlichen Anliegen, sie
sind genau das, was es braucht, um jemanden zu erreichen und zu
öffnen. Dem geht eine lange Übung im Loslassen voraus,
die es ermöglicht, diese Fähigkeit zu entwickeln.
Jetzt haben wir unser Stück
bereits bis zur Buddhaschaft gedacht und es ist Zeit, wieder zurück
auf den Boden zu kommen, dorthin, wo wir jetzt gerade stehen,
denn noch sind wir ja Gefangene unserer Emotionen. Wir sind noch
nicht frei.