UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheUnser eigenes Drehbuch schreiben

Wir sind noch nicht zu diesen wunderbaren Bodhisattva-Schauspielern geworden. Was uns beschäftigt, ist zu wissen, wie sich der nächste Schritt vollziehen kann. Was ist für mich heute der nächste Schritt? Was möchte ich als nächstes entwickeln? Was ist für mich heute und im Leben am wichtigsten? Damit fangen wir an. Welche Etappe steht als nächste für mich an? Jeder schaut in sich hinein und versucht, selbst die Antwort zu finden: Wo kann ich konkret ansetzten? Wer ist der Autor unseres Lebens? ...die Unwissenheit oder die Weisheit? Was ist der Motor für das ganze Schauspiel? ...die Zuflucht? ...die Liebe? ...die Buddhanatur? ...Bodhicitta?

Ja, man könnte auf die Idee kommen, ob nicht vielleicht ein Lama sich bereit erklären könnte, unser Schauspiel zu schreiben. Aber aufgepasst, dazu braucht es eine außerordentliche Hingabe, um dem Schauspiel folgen zu können, das ein Lama für uns entwirft. Es wird nicht leicht sein, denn er wird ziemlich radikal mit dem Ichanhaften umgehen. Sind wir bereit dazu? Ich denke, es ist besser, das Stück selbst umzuschreiben und sich dann hinzusetzen und es mit dem Lama zu besprechen. Wir müssen uns die Arbeit schon selber machen, unsere Entscheidungen selber treffen. Die Lamas können uns die Grundlinien des Weges aller Bodhisattvas beschreiben; wie dann unser persönlicher Weg aussehen wird, müssen wir selbst entscheiden.

Wie viel Entscheidungsspielraum haben wir eigentlich? Ständig erleben wir Situationen, die von Handlungen geprägt sind, die zum Teil schon lange zurückliegen. Sind es nicht vielleicht unsere heilsamen und nichtheilsamen Handlungen, die unser Schauspiel schreiben? Die Situationen, die wir erleben, lassen sich als solche nicht ändern. Wir können aber lernen, mit ihnen auf spielerische Weise umzugehen und sie für den Erleuchtungsweg zu nutzen. Wenn wir lernen, die Situationen richtig zu lesen, dann gibt es da viele grüne und rote Ampeln, die uns anzeigen, wo wir weiter gehen sollten und wo nicht, ohne dass wir da irgendetwas ausgearbeitet hätten.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das bisherige Drehbuch größtenteils von unserem Karma geschrieben wurde, dass unsere früheren Handlungen, die zu Tendenzen in unserem Geist geführt haben, in großem Maße bestimmen, was wir erleben und wie wir es erleben. Aber die Fortsetzung des Drehbuchs wird von einem weiteren Autor mitgeschrieben und dann ist es nur noch der Hintergrund, der Situationsrahmen, der von unserem Karma geschrieben wird. Wer ist dieser Autor, der nun das Drehbuch schreibt?

Hans sagt, es sei der Geist, der das Drehbuch schreibt. Und Bettina sagt, es gäbe etwas hier im Zentrum, im Herzen, was der Motor des Ganzen ist. Und das stimmt: Es wird darauf ankommen, was sich hier im Zentrum unseres Wesens abspielt, was da die treibende Kraft ist. Wenn es Angst ist, dann wird es ein recht schwieriges Schauspiel werden für uns, das schwer zu leben ist. Wenn es Vertrauen ist, wird es ein angenehmes, leicht zu lebendes Schauspiel sein. Das sind die beiden großen Kräfte in unserem Leben, die entscheiden werden, wie wir Situationen angehen, wieviel Emotionen wir durchzumachen haben und wie leicht wir den Dharmaweg gehen können. Viel Angst bedeutet viel Anspannung, viele Sorgen, ständiges Drehen um sich selbst. Vertrauen bedeutet loslassen können, sich öffnen können, die Dinge positiv sehen. Diese beiden Kräfte schließen sich gegenseitig aus. Wo Vertrauen ist, kann keine Angst sein, wo Angst ist, kann kein Vertrauen sein. Angst ist Ausdruck von negativem Karma, d.h. die Folge von vielen Handlungen in der Vergangenheit, die von Ichbezogenheit motiviert waren. Vertrauen ist Ausdruck von positivem Karma, also von Handlungen, die nicht von Ichbezogenheit motiviert waren. Diejenigen, die viele 'Verdienste', d.h. sehr viel positive Kraft aufgebaut haben, werden natürlicherweise mehr Vertrauen erfahren, als diejenigen, die immer ichbezogen gehandelt haben, denn diese werden natürlicherweise stets von ihren Ängsten motiviert sein, weil alle ihre bisherigen Handlungen von Ängsten motiviert waren.

Es wird nicht so sein, dass wir jetzt, bloß weil wir eine Woche Unterweisungen gehört haben, alles hinter uns lassen und sagen können: „Jetzt, von heute an bin ich frei!" Aber vielleicht gibt es doch jemanden, der das kann? (Lachen...) Vielleicht gibt es hier jemanden, der heute morgen als Buddha im Bett aufgewacht ist und sich gesagt hat: „Es ist geschehen!" Gibt es das? Wahrscheinlicher ist, dass der Vorhang hochgeht und wir uns sagen: „Auf zum zweiten Akt!" Wir sind bereit, das Gelernte in die nächsten Handlungen einfließen zu lassen und in unserem Lebensschauspiel eine neue, angemessenere Rolle auszuprobieren.

Und wenn uns die Ideen für diesen zweiten Akt ausgehen – nun, dann machen wir eben wieder einen Kurs, gehen wieder an einen Ort, wo wir unsere spirituelle Motivation verstärken können, und dann geht es mit dem dritten Akt weiter. So vertiefen wir allmählich unsere Fähigkeit loszulassen, öffnen uns mehr und mehr und machen uns keine Sorgen darüber, ob dies möglich ist – es ist nur eine Frage, ob wir es jetzt tun oder aufschieben. Besser, wir handeln jetzt und warten nicht mit dem zweiten Akt, weil wir denken: „Ich habe den ersten Akt noch nicht genug gelebt, ich muss erst noch mehr Leid erfahren, ich muss erst noch mehr Motivation sammeln". Nehmt das, was als Motivation jetzt gerade vorhanden ist und begebt Euch in den zweiten Akt. Wartet nicht mit dem Neuanfang. Je entschlossener wir uns hineinbegeben, desto leichter werden diese Neuanfänge: zweiter, dritter, vierter, fünfter Akt. Vergessen wir uns selbst, soweit uns das möglich ist. Indem wir uns selbst vergessen, können wir wirklich Gutes tun. Wir können Anderen helfen, auch ihren Weg zu gehen. Solange uns noch persönliche Probleme bremsen, müssen wir uns ihnen zuwenden, um sie aufzulösen. Aber wenn wir mal den Schritt gemacht haben, wirklich als Bodhisattvas zu leben, brauchen wir nur noch Zuflucht zu nehmen und uns dann um das Wohlergehen aller zu kümmern. Unsere Praxis wird Ausdruck von einzig und allein diesem Wunsch. Dann brauchen wir uns nicht mehr so mit uns selbst zu beschäftigen, weil das Bodhicitta, der Erleuchtungsgeist, beginnt, allen Raum auszufüllen.

Lasst uns alle Verdienste, alle positive Kraft, die aus diesem Kurs entstanden ist, dem Wohlergehen und der Erleuchtung aller Wesen widmen.

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