UNTERWEISUNGEN

Einführung und allgemeine Erklärung der Emotionen

Lama Guendune RinpocheWie entsteht eine Emotion?

Wir werden nun untersuchen, wie es zu einer Emotion kommt. Normalerweise gehen wir davon aus, dass entstehen auf Grund des Kontaktes mit einem äußeren Objekt Emotionen. Weil ich z.B. die Tasse mit Tee hier vor mir stehen sehe, habe ich Lust oder nicht Lust zu trinken, also Zuneigung oder Abneigung. So denken wir, entstehen Emotionen aufgrund von Situationen. Beim Meditieren aber haben wir jede Menge Emotionen, obwohl wir nichts tun und nichts um uns herum passiert: Wut taucht auf, Begierde taucht auf, Stolz, Eifersucht und die ganze Zeit Unwissenheit, ohne dass irgendwelche Objekte der Wahrnehmung auftauchen würden.

Das hängt damit zusammen, dass es nicht unbedingt äußerer Objekte bedarf, um eine Emotion auszulösen. Unsere Hypothese, dass Emotionen auf dem Wahrnehmen von Objekten beruhen, ist also nicht ganz richtig. Wenn wir meditieren und in den Geist schauen, merken wir, dass Emotionen durchaus von selber auftauchen, und dann fragen wir uns, woher sie kommen? Der Buddha erklärte, dass die Emotionen aufgrund von Tendenzen in unserem Geist entstehen, aufgrund von Samen, karmischen Kräften, die in unserem Geist latent vorhanden sind. Diese Samen oder Kräfte manifestieren sich spontan, sobald wir nicht mit anderem beschäftigt sind. Wir haben in der Vergangenheit unzählige Handlungen des Festhaltens und Wegstoßens ausgeführt, die Spuren in unserem Geist hinterlassen haben. Die Spuren dieses Anhaftens und Ablehnens haben sich als karmische Tendenzen unserem Geist sozusagen 'eingegraben' und sind ständig aktiv. Dies wird besonders deutlich in der Meditation, wenn wir nicht so abgelenkt sind und dem Geist Raum geben. Dann werden diese karmischen Tendenzen von selber aktiv – in ganz unregelmäßiger Reihenfolge und ohne, dass da eine spezielle Logik zu erkennen wäre. Sobald wir ihnen etwas Raum geben, zeigen sich unsere karmischen Tendenzen in Form von vielerlei, oft unzusammenhängenden Gedanken, als Bilder, die unvermittelt aufsteigen, als unerklärliche Gefühlsschwankungen und jede Menge von Fixierungen. Sie zeigen sich ganz von alleine, z.B. während der Meditation oder beim Ausruhen, aber sie sind auch sonst unaufhörlich aktiv.

Die karmische Sicht

Wenn wir uns jetzt noch einmal dem Begriff Emotion zuwenden, dann können wir sagen: „Eine Emotion ist ein Gedanke oder eine Gedankenkette, die aufgrund eines Anhaftens oder Ablehnens mit einer starken Energie geladen ist." Wir könnten auch sagen: „Emotionen sind die Projektionen unseres Karmas." Sie sind die Projektion von all dem, was wir in der Vergangenheit an Tendenzen in unserem Geistesstrom erzeugt haben. Dies wird jetzt wach und produziert Bilder und Gedanken. Das, was wir früher getan, gesagt und gedacht haben, bestimmt, wer wir jetzt sind, unseren Charakter und unsere Persönlichkeit.

Was wir für unsere Persönlichkeit halten, ist einfach die Folge von all dem, was in der Vergangenheit war. Wie wir denken, was wir mögen und nicht mögen, wovon wir uns angezogen fühlen, was für Meinungen wir haben, an was wir uns erinnern, unsere gesamte Sichtweise der Welt ist Ausdruck von karmischen Tendenzen. Es ist unser karmisches Theater, unsere karmische Sichtweise. Das ist, was unsere Persönlichkeit ausmacht.

Unsere jetzige Persönlichkeit, unser Charakter, unsere karmische Sichtweise spiegeln wider, ob wir in der Vergangenheit viele ichbezogene oder viele altruistische, mitfühlende Handlungen ausgeführt haben, sie spiegeln, wie wir in der Vergangenheit gehandelt haben. Wenn wir stets auf andere bezogen waren und stets zu ihrem Wohl gehandelt haben, dann werden wir die Spuren von diesem Verhalten und dieser Sichtweise heute in unserem Geist wiederfinden. Wenn wir stark egoistisch, auf uns selbst bezogen gehandelt haben, werden wir starke Spuren von dieser Ichbezogenheit in unserer jetzigen Persönlichkeit wiederfinden. Wie wir heute sind, ist ein Spiegel von dem, wie wir früher waren und gehandelt haben. Wenn wir sehen, was in unserem Geist los ist, welche emotionalen Schleier in uns vorhanden sind, können wir ermessen, wie wir in der Vergangenheit waren.

Der Prozess der Reinigung unserer emotionalen Schleier

Wenn wir uns entspannen und nicht aus einem aufsteigenden Gedanken immer sofort eine lange Gedankenkette machen, dann kann ein Gedanke nach dem anderen aufsteigen, sich auflösen und dem nächsten spontanen Gedanken Platz machen. Dieses Entstehen und Vergehen ist der Prozess der karmischen Reinigung: In der Entspannung lernen wir es, nicht hereinzufallen auf die Gedanken und Emotionen, nicht zu reagieren, sondern den Raum zu geben, in dem sie sich manifestieren und erschöpfen können. (PS. Im Nichthaften kann sich das augenblickliche Karma auflösen und auch die karmische Tendenz, die immer solche Gedanken und Emotionen hervorbringt, wird geschwächt.)

Emotionen sind einfach Gedanken, die mit starker emotionaler Kraft besetzt sind, weil wir sie als sehr angenehm oder unangenehm bewerten. Die anderen Gedanken behandeln wir als neutral, als weniger wichtig – sie haben für uns nicht den gleichen emotionalen Stellenwert. Weil wir sie anders bewerten, sind sie nicht so interessant. In der Meditation lernen wir, Gedanken loszulassen und nicht zu bewerten, und so lernen wir auch zugleich, Emotionen loszulassen und nicht zu bewerten. Unser Bewerten der Gedanken ist das Gaspedal für Emotionen, es bringt das emotionale Karussell in Schwung. Das Haften ist der Motor aller Emotionen.

Die Gedanken, die sich als Emotionen manifestieren, führen zu einer sich steigernden Verkettung, Verknäuelung und Verwicklung. Wir haben es erst mit einem Gedanken zu tun, an den sich dann ein anderer hängt, der wieder zu einem anderen führt, der den ersten kommentiert, bewertet usw. Was zunächst ein einzelner Gedanke war, wird zu einer Gedankenkette, die zusätzlich noch Erinnerungen, Ängste und dergleichen auslöst – und das Ganze verknäult, verdichtet und verknotet sich immer mehr. Wenn wir hineinschauen in dieses Knäuel, das wir z.B. Eifersucht nennen, so entdecken wir nichts als Gedanken, ganz viele Gedanken, die zu diesem emotionalen Zustand geführt haben und an ihm Anteil haben.

Wenn wir in der Lage wären, diese Gedanken loszulassen – am Anfang, irgendwo zwischendrin oder auch zum Schluß, wann immer wir halt loslassen können – dann würden wir Abstand gewinnen. Und dieser Abstand würde uns ermöglichen, nicht hineingezogen zu werden ins Reagieren, sondern im bewussten Handeln zu bleiben, bewusste Entscheidungen zu treffen, wie z.B.: „Ich will tatsächlich wütend handeln, ich will sehr stark eingreifen", oder aber: „Ich möchte tatsächlich mitfühlend handeln und freigiebig sein." Wir haben dann die freie Wahl.

Solche bewussten Entscheidungen werden der Situation angemessener sein als unsere emotionalen Reaktionen, die nur Ausdruck unseres Ichanhaftens sind. In der Emotion sind wir unfrei und können gar nicht anders handeln. Freiheit ist nur dort, wo wir einen Handlungsspielraum haben und diesen auch nützen. Aber wenn wir nicht loslassen können, haben wir keinen Spielraum. Wir sind dann wie Tiere, denen man eine Karotte zeigt oder ein Stückchen Zucker und sie ziehen den Karren und fressen einem aus der Hand. Oder man schreit sie an, was sie – je nach Charakter – entweder einschüchtert oder aggressiv macht. Ihre Reaktionen sind relativ leicht vorhersehbar. Menschen könnten ihren geistigen Spielraum nutzen und sich freimachen aus dem vorhersehbaren Reagieren, um in ein bewusstes Handeln, in ein Agieren, hineinzufinden. Aber dazu braucht es den Prozess des sich Übens im Loslassen, die Meditation.

In den Prozess des Entstehens von Emotionen können wir an verschiedenen Punkten eingreifen. Zunächst können wir schädliche Handlungen aufgeben und so weniger schädliche karmische Tendenzen erzeugen. Wir können schauen, dass wir den ersten emotionalen Gedanken bemerken, loslassen und nicht reagieren. Sind wir bereits in emotionaler Verwirrung, dann können wir Methoden anwenden, die den Geist beruhigen, können an Mitgefühl denken und die verschiedenen Gegenmittel zu Anwendung bringen. Wir können in die Natur der Gedanken schauen. Wenn das alles nicht möglich ist, können wir zumindest die Grenze ziehen und sagen: „Aber jetzt nicht weiter, jetzt nicht eine noch schlimmere Handlung hinzufügen." Der Dharma stellt uns viele Möglichkeiten zur Verfügung, die emotionale Kette zu unterbrechen.

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