UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Unwissenheit
Die zugrundeliegende
Unwissenheit
Die Unwissenheit,
die Buddhaschaft verhindert, besteht aus zwei Dingen: (a) nicht
zu wissen, was die wahre Natur aller Phänomene ist und (b)
nicht zu wissen, wie sich diese Phänomene auf relativer Ebene
manifestieren – also Unwissenheit in Bezug auf das Letztendliche
und Unwissenheit in Bezug auf das Relative. Ein Buddha versteht
die wahre Natur aller Phänomene als leer und illusorisch,
frei von etwas Festem und Bleibendem, als leer von einem Wesenskern.
Er sieht zugleich genau, wie und warum sich Phänomene trotzdem
fest und wahrnehmbar in der relativen Welt der Dualität manifestieren.
Er versteht die beiden Wahrheiten zugleich, das Zusammenspiel
von letztendlicher und relativer Ebene der Wahrheit. Und Unwissenheit
bedeutet, diese beiden Wahrheiten nicht zu verstehen.
Auf einer subtilen
Ebene ist Unwissenheit ein Mangel an Gewahrsein, ein Schleier,
der das direkte, unmittelbare Erkennen verhindert, das zur Buddhaschaft
führt.
Unwissenheit bedeutet
zudem, sich selbst, das 'Ich', für wirklich zu halten. Dieses
grundlegende auf mangelndem Gewahrsein beruhende Ichgefühl
bringt mit sich, dass auch anderes für wirklich gehalten
wird. Und daraus entsteht der ganze ‚Salat‘ von Emotionen, das
ganze Hin und Her von: Ich, der ich wirklich existiere, ich hier,
mit meinen Gefühlen, mein Ego, meine Seele, mein Sein. All
das wird für konkret existent gehalten und für verschieden
und getrennt von all dem, was als das Andere wahrgenommen wird.
Dieses auf Unwissenheit beruhende Ichanhaften, die Trennung in
Subjekt und Objekt, ich und anderes, verhindert Befreiung.
Aus diesem Haften
an einem vermeintlichen Ich entsteht die große Spannung,
die unser Dasein kennzeichnet; alle Konflikt haben hier ihren
Ursprung. Unwissenheit ist, sich nicht bewusst zu sein, dass dieses
vermeintliche Ich nur offener Raum ist, dass es da gar nichts
zu finden gibt in dem, was wir Ich nennen, dass da gar nichts
Substanzielles ist. Unwissenheit bedeutet, dieses Ich, das gar
nicht wirklich existiert, zu verteidigen und ständig etwas
haben zu wollen für dieses Ich: Einverleiben ins Territorium
oder Hinausschicken aus dem Territorium.
Das sind die Grundtendenzen
des Ichs, der Unwissenheit. Die ganze emotionale Verwicklung entsteht
daraus, sich selbst als getrennt zu sehen von allem anderen. Dies
bewirkt die Illusion der Trennung: Ich hier, der andere dort,
ich hier in meinem Territorium und du dort in deinem. Dieses Aufteilen
der Wirklichkeit ist Quelle allen Leides.
Auf einer gröberen
Ebene bewirkt das Ichanhaften, dass die emotionalen Schleier in
unserem Geist immer dichter werden, bis wir nicht mehr unterscheiden
können zwischen Handlungen, die zu Glück führen,
und Handlungen, die zu Leid führen. Wir sind so gefangen
in unserem Ichanhaften, in dieser Unwissenheit, dass es uns nur
selten möglich ist, einen anderen Standpunkt anzunehmen als
den des Ichs.
Wenn wir genau hineinschauen
in dieses starke Ichgefühl, finden wir nichts, was sich da
als ein Ich oder eine Seele identifizieren ließe. Äußerlich
hingegen findet das Gefühl von Ich und anderen leichte Bestätigung,
wir brauchen nur den Körper der anderen zu berühren.
In der körperlichen Berührung des anderen spüre
ich: Ich bin hier und der andere ist dort. Doch wie ist das mit
dem Geist? Wo hört der Geist eigentlich auf? Wo sind die
Grenzen unseres Geistes und wo fängt der Geist des anderen
an? Bisher hat noch kein Buddha ein Ich finden können und
keiner hat je irgendwelche Grenzen dieses Geistes entdeckt. Kein
Erleuchteter hat je dieses berühmte Ich entdeckt, obwohl
alle danach gesucht haben.
Der Philosoph Desquartes
definierte: „Ich denke, also bin ich." Dies war der Kernsatz
seiner Beweisführung, die das Dilemma lösen sollte,
nicht mit Sicherheit bestimmen zu können: Wer bin ich eigentlich?
Existiert das Ich wirklich? Er meinte, dass aus der Tatsache,
dass sich Gedanken manifestieren, abzuleiten sei, dass man existiert.
Er hat aber nicht genau genug geschaut, was Gedanken eigentlich
sind, denn Gedanken sind auch nur momentane Bewegungen: Wo ist
denn jetzt das letzte Wort, das wir gerade gehört haben?
Es existiert nur noch als Erinnerung und die Erinnerung ist auch
nur ein Gedanke, der aufsteigt und vergeht. Wo ist plötzlich
all das geblieben, was sich in diesem Universum auf relativer
Ebene schon mal manifestiert hat? Wo sind die Gedanken von gestern
geblieben? Alles wandelt sich, alles vergeht, nichts ist bleibend.
Wo soll es in diesem Nichtbleibenden, Vergänglichen ein bleibendes
Ich geben?
Wenn wir hineinschauen
in den Geist, in die Gedanken, finden wir nichts, das wir als
einen bleibenden Wesenskern definieren könnten und das die
Basis für eine Identifikation darstellen könnte. Wir
sind, aus höchster Sicht betrachtet, kein Etwas, das getrennt
ist von etwas anderem. Wir sind sozusagen, frei ausgedrückt,
ein lebendiges, undefinierbares 'Nichts' im offenen, nicht-substantiellen
Raum. Aber das ist keineswegs schlimm, denn ein 'Nichts' braucht
man nicht zu verteidigen. Ein solches 'Nichts' kann nicht kaputt
gehen, es kann nicht gestohlen und nicht verletzt werden – es
ist einfach offener Raum. Und wenn wir die künstlichen Grenzen
unserer Ich-Abgrenzung fallen lassen, dann teilen wir den selben
Geistesraum wie alle anderen Wesen. Das Innere dieses Territoriums,
das wir meinen, verteidigen zu müssen, ist leer von einer
Person, leer von einem Besitzer. Es besteht also gar keine Gefahr
darin, innerlich aufzumachen, weil es nichts gibt, das zerstört
werden könnte. Das Territorium dieses vermeintlichen Ichs
ist in Wirklichkeit ein karmisches Kraftfeld ohne Besitzer. Sich
damit zu identifizieren und zu glauben, es gäbe da etwas
zu verteidigen, ist Unwissenheit. Zu verstehen, dass es nichts
zu verteidigen gibt, ist Weisheit.
Wo beginnt das Ich
und wo hört es auf, dieses illusorische Ich? Das Ich ist
nicht nur hier mein Körper, das Ich ist meine Familie, meine
Freunde, mein Club, meine Stadt, mein Land, meine Nation, was
auch immer – die Identifikation erstreckt sich sogar auf die einfache
Tatsache des Menschseins. Ichanhaften kennt keine Grenzen. Es
kann sich alles einverleiben, mit dem es sich identifizieren möchte,
und es stößt alles weg, was es nicht haben will und
was es bedroht. Um wirklich frei zu werden, sind alle diese Identifikationen
auf ihrer tiefsten Ebene aufzulösen.
Mütter und Väter
sagen: „Dies ist mein Kind." Aber wenn das Kind dann
groß ist und unangenehm aufsässig wird, dann wollen
sie unter Umständen nichts mehr mit diesem eigenwilligen
Kind zu tun haben. Sobald es schwierig wird, ist die Reaktion
des Ichanhaftens: Raus damit aus dem Territorium, nach außen
verlagern, denn das wird zu gefährlich, die Geschichte wird
mir zu heiß. Das gesamte Spiel der Emotionen erklärt
sich aus unseren Identifikationen, dem Haften am Angenehmen und
dem Abwehren des Unangenehmen. Uns beschäftigt die Frage:
Was will ich behalten und was schiebe ich lieber auf andere ab?
Womit bin ich einverstanden und womit nicht? Das ist die doppelte
Bewegung des Ichanhaftens: Ansichziehen und Wegstoßen, beruhend
auf der Annahme, als Ich wirklich zu existieren.
Das Ichanhaften,
diese Identifikation, wäre eigentlich gar kein Problem, wenn
es nicht zu Leid führen würde. Dort, wo wir uns identifizieren,
schaffen wir unweigerlich und sofort die Basis für Leid.
Wenn ich z.B. diese Tasse hier auf dem Tisch als meine
Tasse betrachte und anhafte, und es kommt dann jemand und will
aus meiner Tasse trinken, dann überlege ich mir das dreimal.
Ich bin unter Spannung, weil ich diesen Gegenstand eigentlich
als meinen betrachte, an ihm hafte und ihn eigentlich nicht teilen
möchte. Sobald ich mich mit etwas als meinem Besitz, als
Ich im weitesten Sinne, identifiziere und jemand anders daherkommt,
der dieses Etwas ebenfalls haben will, entsteht ein Konflikt.
Aber das gilt auch für den umgekehrten Fall, wenn ich etwas
als „nicht mein" identifiziere und von mir fern halten möchte,
weil es mir zuwider ist. Wenn dann jemand kommt, der dieses Etwas
ebenfalls nicht haben will und versucht, es mir zuzuschieben,
entsteht ein Konflikt: Wir sind dann beide dabei, die unbeliebte
Tasse hin und her zu schieben. In dieser Weise entstehen alle
Probleme aus diesem „Ich will, ich will nicht." Wir denken:
„Ich kann mir das nicht zumuten, weil ich das nicht haben will",
oder: „Wenn ich das habe (bzw. nicht habe), gehe ich zugrunde."
Wir überlegen ständig: „Wie wird das für mich sein,
wenn dieses oder jenes eintritt?"
Frage: Können
wir im Dharma überhaupt noch das Wort „Ich" gebrauchen?
Oder ist das völlig unsinnig? Als Kind lernen wir doch bereits
von unserer Mutter, „Ich" zu sagen. Wir bauen so allmählich
eine Persönlichkeit auf, ein Selbstbewusstsein. Wie verhält
es sich jetzt damit? Wir hören, dass wir diese ganze „Ich-Identifikation"
auflösen sollen, denn sie sei völlig überflüssig...?
Diese Ich-Identifikation
besteht schon seit immer, seit vielen, vielen Leben. Sie kommt
automatisch wieder, wenn wir noch Säuglinge sind. Automatisch
haften wir am Angenehmen und lehnen ab, was unangenehm ist. Das
Auflösen dieses Ichanhaftens ist ein ganz langwieriger Prozess.
Wir existieren in
einer relativen Welt und in dieser relativen Welt sprechen wir
natürlich von „Ich" und „mein" um die Dinge in
ihrer Zugehörigkeit auszudrücken. Der Gebrauch von „Ich"
und „mein" ist durchaus sinnvoll auf relativer Ebene, nur
dürfen wir uns davon nicht täuschen lassen, wir dürfen
nicht auf die Möglichkeit zur Ich-Identifikation einsteigen.
Um Leid zu vermeiden, ist es wichtig, alle mit einer solchen Identifikation
verbundenen Reaktionsmuster loszulassen.
Ein Buddha z.B. kann
auch von seiner Tasse sprechen, von „meiner" Tasse, aber
wenn jemand kommt und die Tasse haben möchte, dann weiß
er, dass Tassen ohnehin nur vergängliche Phänomene sind
und wird nicht an einem vergänglichen Phänomen haften,
das keinerlei Substanz hat, und so verfährt er mit allen
Dingen. Jemand kann kommen und die Tasse haben und der Buddha
bleibt entspannt, ohne dass ein Konflikt entsteht. Wenn sich jemand
aber identifiziert, ist der Konflikt vorprogrammiert.
Noch ein Beispiel:
Wir gehen in ein Geschäft, in dem wunderschöne Hemden
zur Auswahl sind. Es geht darum, ein neues Hemd zu kaufen. Wir
sehen ein Hemd mit einem Flecken. Das stört uns weiter gar
nicht, weil es nicht unser Hemd ist. Es hängt ja im Geschäft.
„Nun ja", denken wir, „schade für den Ladeninhaber,
aber nicht unser Problem". Nun kaufen wir ein Hemd, nehmen
es nach Hause und als wir es gerade auspacken, macht unser Kind
einen Flecken drauf, auf unser Hemd! Das selbe Hemd wie
vorher, selbe Nummer, selbe Größe, selbe Qualität
und jetzt auch ein ebensolcher Flecken, alles gleich, aber jetzt
macht uns der Flecken plötzlich etwas aus. Woher kommt das?
Das kommt daher, weil wir uns in der Zwischenzeit als Besitzer
dieses Hemdes identifiziert haben. Das macht den ganzen Unterschied
in unserer emotionalen Reaktion. Und genauso geht es mit allem.
Sobald wir identifiziert sind, werden Emotionen entstehen, und
wenn wir nicht identifiziert sind, haben die Emotionen keine Basis
mehr.
Rabsang sagte gerade:
„Wir müssen lernen, mit der Nondualität in der Dualität
zu leben." Ein wichtiger Satz. Das bedeutet, ein Gewahrsein
der letztendlichen Dimension, wo es weder „Ich" noch „andere"
gibt zu bewahren in der relativen Welt, wo es sehr wohl mich und
andere gibt und in der wir sehr wohl von „Ich" und „Du"
sprechen. Wir benutzen diese Worte „Ich" und „Du", ohne
aber diese festen Trennungen aufzubauen, die dann zu ebenso festen
Konflikten anwachsen, in denen wir uns bemühen, unsere soliden
Abgrenzungen zu bekämpfen bzw. zu verteidigen. Wir müssen
lernen, die dualistische und die nonduale Ebene miteinander zu
verbinden. Die Erklärungen über Unwissenheit wurden
auf der letztendlichen Ebene gegeben und die Frage war auf der
relativen Ebene. Es geht darum, die beiden Ebenen zusammen zu
bringen.
Nehmen wir noch ein
Beispiel: Wir träumen, wir leben in einem großen Haus,
es geht uns gut und plötzlich fängt dieses Haus an zu
brennen. Wir erleben all die Emotionen der Panik, des Verlustes
usw. genauso als würde dies wirklich geschehen. In dem Augenblick
aber, wo uns klar wird, dass unser Haus nur im Traum verbrannt
ist und dass wir dieses Haus nie besessen haben, ist das im Traum
verbrannte Haus kein Problem mehr (es sei denn, wir machen eins
daraus, indem wir dem Traum irgend eine Bedeutung beimessen).
Aber in dem Moment, wo wir merken, dass das Traumgeschehen nur
Traum war, ist es kein Problem mehr und alle damit zusammenhängenden
Emotionen lösen sich auf. Genauso ist es auch im Alltag:
Wenn wir zutiefst wissen, dass die Dinge, die uns passieren, auf
letztendlicher Ebene von illusorischer Natur sind, dann sind sie
kein Problem mehr, denn in diesem Moment wird unserem Anhaften–Abneigen
der Boden entzogen.
Frage: „In der
Kindheit müssen wir doch ein Ichgefühl, ein – man könnte
vielleicht sagen – gesundes Selbstbewusstsein aufbauen. Ist das
etwa verkehrt?"
Antwort: Wir brauchen
uns darum nicht zu kümmern, ob eine Persönlichkeit entstehen
wird oder nicht. Die ist ohnehin schon angelegt, denn wir bringen
eine solche Fülle von karmischen Tendenzen mit, dass es unweigerlich
zum Formen einer Persönlichkeit kommt. Es geht nun aus Dharmasicht
darum, in diesem Prozess des Ausbildens einer Persönlichkeit
mitzuhelfen, so dass sich möglichst hilfreiche, flexible
Persönlichkeitsstrukturen bilden, mit möglichst klarem
Geist und mit möglichst geringem Haften an diesem vermeintlichen
Ich. Wenn wir dazu bereits im Kindesalter beitragen können,
werden unsere Kinder deutlich weniger Leid erfahren. Wenn wir
allerdings erst als Erwachsene merken, in welch starren Persönlichkeitsstrukturen
wir gelandet sind, dann ist es natürlich schwerer. Aber es
bleibt uns keine Wahl: Die Arbeit des Auflösens der Strukturen
des Ichanhaftens und der zugrundeliegenden Unwissenheit mit all
den sich daraus ergebenden Emotionen muss unverzüglich angegangen
werden. Dann wird sich unser neurotischer Charakter allmählich
entspannen und wir finden auch zu einem gesünderen Umgang
mit der relativen Wirklichkeit.
Alle Dinge, mit denen
wir uns identifizieren, führen zu emotionalen Reaktionen,
wie z.B. mein Hemd, meine Tasse, mein Haus,
usw. Tschödrön sagte: Wenn wir in dem Moment, in dem
die automatische Reaktion losgeht, ganz zu Anfang, das Anhaften
sehen könnten, damit arbeiten und es loslassen könnten,
dann wären wir schon einen riesigen Schritt weiter. Es handelt
sich nicht um eine furchtbar schwierige Arbeit. Es geht darum,
überall dort, wo wir können, Entspannung wachsen zu
lassen.