UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheStumpfheit

Wenn wir uns nun der Unwissenheit wieder zuwenden, so gibt es noch weitere Formen der Unwissenheit, die Anzeichen dafür sind, dass sie sich bereits tief in unseren Geistesstrom eingegraben hat. Dies sind zunächst Zustände von geistiger Schwere, Apathie, Dumpfheit und Vernebelung des Geistes. Wir empfinden eine Stumpfheit im Geist, einen Mangel an Schärfe und Leichtigkeit, der verhindert, die Dinge klar sehen und erkennen zu können. Wir sind dicht, gefangen in einem dunklen Geisteszustand, dem es an Klarheit fehlt. Und diese Stumpfheit ist nicht nur Ausdruck von Unwissenheit, sondern führt zu immer mehr Unwissenheit.

Gleichgültigkeit

Dann gibt es als zweite zusätzliche Form der Unwissenheit die Gleichgültigkeit – ein Zustand von Indifferenz und Desinteresse: „Ich will nichts davon wissen. Das interessiert mich nicht, es geht mich nichts an. Darum kümmere ich mich nicht. Lass mich damit in Ruhe!" Dies ist auch ein Mangel an Neugier. Wir haben kein ausreichendes Interesse an Situationen, um mit ihrer Hilfe innere Fortschritte machen zu können. Wir lassen große Bereiche des Lebens einfach beiseite, weil sie uns nicht interessieren, weil es uns zu viel wird, usw. Wir blockieren ganze Bereiche in unserem Leben, wollen nichts damit zu tun haben, und können so in diesen Bereichen keinerlei Verständnis entwickeln.

Zweifel

Dann haben wir drittens eine Ausformung der Unwissenheit, die sich Zweifel nennt. Zweifel ist ein intelligent wirkender Geisteszustand, der aber zu unglaublichen Komplikationen führt. Mit „Zweifel" ist im Dharma gemeint, nicht einen klaren Gedankengang zu haben, sondern jeden Gedanken gleich mit einem zweiten, dritten, vierten Gedanken zu kommentieren und in Frage zu stellen, bis es völlig unmöglich wird, zu handeln. Ich will handeln, einen Schritt nach vorne auf dem Weg tun und kaum, dass ich mich dazu durchgerungen habe, kommen schon wieder so stark die Zweifel, dass ich tausend Gründe sehe, den gerade beschlossenen Schritt nicht zu tun. So jemand kann auf dem Weg nicht vorwärts kommen, weil die Zweifel alles Vertrauen unterhöhlen. Wo Zweifel sind, kann kein Vertrauen sein. Vertrauen und Zweifel sind diametral entgegengesetzt. Und wo Zweifel sind, steht die Tür weit offen für alle Arten von emotionaler Verwirrung.

Zweifel im Dharma sind z.B. Zweifel über die Lehren zur letztendlichen Natur der Wirklichkeit, was wahr ist und was unwahr, Zweifel daran, ob Erleuchtung möglich ist, oder Zweifel an meiner Fähigkeit, den Weg zu gehen, usw. Ungesunde Zweifel blockieren uns, statt den Weg klarer zu machen. Sie lassen keinen Platz für Vertrauen. Um einen Schritt vorwärts gehen zu können, brauchen wir ein Mindestmaß an Vertrauen. Wenn aber jedes Mal Zweifel kommen, sind wir schließlich völlig blockiert. Besonders die sogenannten Intellektuellen sind besonders anfällig für Zweifel. Ihr angespannter Intellekt findet unzählige Gründe, sich nicht einfach aufs Meditationskissen zu setzen, sich keinem Lehrer anzuvertrauen. Sie diskutieren lieber, als die Erfahrung sprechen zu lassen. Eigentlich haben sie Angst und versuchen, sich vor schmerzhaften Erfahrungen zu schützen. Leider verhindern sie so auch an die befreienden Erfahrungen.

Zweifel können aber auch ein Zeichen wahrer Intelligenz sein: sich nicht von Fassaden täuschen zu lassen, nicht in blinden Glauben zu fallen oder einem falschen Guru aufzusitzen. Sie können also durchaus Ausdruck von gesundem Menschenverstand sein und uns motivieren, verwirrende Sachverhalte zu klären. Gesunder Menschenverstand und Dharmaweisheit gehen Hand in Hand. Die Fähigkeit zu zweifeln und nicht blind alles zu glauben ist auch ein Zeichen von ausreichender emotionaler Freiheit und Distanz. Doch sich weiter mit Zweifeln zu plagen, wenn unsere Fragen bereits klar beantwortet oder zumindest im Moment nicht weiter geklärt werden können, das blockiert den Weg. Wir sollten auch nicht an unserer Fähigkeit zweifeln, den Weg gehen zu können, denn alle Menschen können den Dharma praktizieren und Erleuchtung verwirklichen.

Irrige Anschauungen

Dann haben wir als viertes „irrige Anschauungen". Damit ist unser Festhalten an verkehrten Anschauungen oder Annahmen über die Wirklichkeit gemeint, z.B. zu glauben, das „Ich" existiere wirklich, oder zu meinen, Erleuchtung wäre unmöglich und schädliche Handlungen hätten keine über die unmittelbare Situation hinausgehenden Folgen. All dies sind Annahmen, die – wenn wir an ihnen auf dogmatische Art und Weise festhalten – unseren Weg blockieren. Wir werden nicht offen sein dafür, etwas anderes zu hören. Wenn wir in der Lage sind, unsere Annahmen über die Wirklichkeit in Frage zu stellen, und dafür offen sind, auch mal etwas anderes als unsere eigene Philosophie zu hören, dann sind solche verkehrten Anschauungen nicht schwerwiegend. Wenn wir aber nicht mehr offen sind, so stellt das eine totale Blockade für den Weg zur Erleuchtung dar und wird uns in der Unwissenheit gefangenhalten. Dogmatismus bedeutet, die eigene Unwissenheit auf lange Zeit festzuschreiben und in den eigenen festgefahrenen Mustern stecken zu bleiben. Der Geist wird starr und unfähig, die eigenen Anschauungen zu überprüfen und eventuelle Fehler in der Wahrnehmung der Wirklichkeit zu korrigieren. Es gibt keinen Fortschritt mehr. Aber aufgepasst: auch zutreffende Anschauungen können Dogmen werden und vom Ichanhaften für seine eigenen Ziele eingesetzt werden. Nur der Erleuchtungsgeist (Bodhicitta) und echte Verwirklichung schützen uns davor, in Dogmatismus zu fallen.

Das waren die wichtigsten Formen der Unwissenheit: Stumpfheit, Gleichgültigkeit, Zweifel und irrige Anschauungen – und die Basis von all dem ist das Haften an einem Ich, die grundlegende Unwissenheit.

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