UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Stumpfheit
Wenn wir uns nun
der Unwissenheit wieder zuwenden, so gibt es noch weitere Formen
der Unwissenheit, die Anzeichen dafür sind, dass sie sich
bereits tief in unseren Geistesstrom eingegraben hat. Dies sind
zunächst Zustände von geistiger Schwere, Apathie, Dumpfheit
und Vernebelung des Geistes. Wir empfinden eine Stumpfheit im
Geist, einen Mangel an Schärfe und Leichtigkeit, der verhindert,
die Dinge klar sehen und erkennen zu können. Wir sind dicht,
gefangen in einem dunklen Geisteszustand, dem es an Klarheit fehlt.
Und diese Stumpfheit ist nicht nur Ausdruck von Unwissenheit,
sondern führt zu immer mehr Unwissenheit.
Gleichgültigkeit
Dann gibt es als
zweite zusätzliche Form der Unwissenheit die Gleichgültigkeit
– ein Zustand von Indifferenz und Desinteresse: „Ich will nichts
davon wissen. Das interessiert mich nicht, es geht mich nichts
an. Darum kümmere ich mich nicht. Lass mich damit in Ruhe!"
Dies ist auch ein Mangel an Neugier. Wir haben kein ausreichendes
Interesse an Situationen, um mit ihrer Hilfe innere Fortschritte
machen zu können. Wir lassen große Bereiche des Lebens
einfach beiseite, weil sie uns nicht interessieren, weil es uns
zu viel wird, usw. Wir blockieren ganze Bereiche in unserem Leben,
wollen nichts damit zu tun haben, und können so in diesen
Bereichen keinerlei Verständnis entwickeln.
Zweifel
Dann haben wir drittens
eine Ausformung der Unwissenheit, die sich Zweifel nennt. Zweifel
ist ein intelligent wirkender Geisteszustand, der aber zu unglaublichen
Komplikationen führt. Mit „Zweifel" ist im Dharma gemeint,
nicht einen klaren Gedankengang zu haben, sondern jeden Gedanken
gleich mit einem zweiten, dritten, vierten Gedanken zu kommentieren
und in Frage zu stellen, bis es völlig unmöglich wird,
zu handeln. Ich will handeln, einen Schritt nach vorne auf dem
Weg tun und kaum, dass ich mich dazu durchgerungen habe, kommen
schon wieder so stark die Zweifel, dass ich tausend Gründe
sehe, den gerade beschlossenen Schritt nicht zu tun. So jemand
kann auf dem Weg nicht vorwärts kommen, weil die Zweifel
alles Vertrauen unterhöhlen. Wo Zweifel sind, kann kein Vertrauen
sein. Vertrauen und Zweifel sind diametral entgegengesetzt. Und
wo Zweifel sind, steht die Tür weit offen für alle Arten
von emotionaler Verwirrung.
Zweifel im Dharma
sind z.B. Zweifel über die Lehren zur letztendlichen Natur
der Wirklichkeit, was wahr ist und was unwahr, Zweifel daran,
ob Erleuchtung möglich ist, oder Zweifel an meiner Fähigkeit,
den Weg zu gehen, usw. Ungesunde Zweifel blockieren uns, statt
den Weg klarer zu machen. Sie lassen keinen Platz für Vertrauen.
Um einen Schritt vorwärts gehen zu können, brauchen
wir ein Mindestmaß an Vertrauen. Wenn aber jedes Mal Zweifel
kommen, sind wir schließlich völlig blockiert. Besonders
die sogenannten Intellektuellen sind besonders anfällig für
Zweifel. Ihr angespannter Intellekt findet unzählige Gründe,
sich nicht einfach aufs Meditationskissen zu setzen, sich keinem
Lehrer anzuvertrauen. Sie diskutieren lieber, als die Erfahrung
sprechen zu lassen. Eigentlich haben sie Angst und versuchen,
sich vor schmerzhaften Erfahrungen zu schützen. Leider verhindern
sie so auch an die befreienden Erfahrungen.
Zweifel können
aber auch ein Zeichen wahrer Intelligenz sein: sich nicht von
Fassaden täuschen zu lassen, nicht in blinden Glauben zu
fallen oder einem falschen Guru aufzusitzen. Sie können also
durchaus Ausdruck von gesundem Menschenverstand sein und uns motivieren,
verwirrende Sachverhalte zu klären. Gesunder Menschenverstand
und Dharmaweisheit gehen Hand in Hand. Die Fähigkeit zu zweifeln
und nicht blind alles zu glauben ist auch ein Zeichen von ausreichender
emotionaler Freiheit und Distanz. Doch sich weiter mit Zweifeln
zu plagen, wenn unsere Fragen bereits klar beantwortet oder zumindest
im Moment nicht weiter geklärt werden können, das blockiert
den Weg. Wir sollten auch nicht an unserer Fähigkeit zweifeln,
den Weg gehen zu können, denn alle Menschen können den
Dharma praktizieren und Erleuchtung verwirklichen.
Irrige Anschauungen
Dann haben wir als
viertes „irrige Anschauungen". Damit ist unser Festhalten
an verkehrten Anschauungen oder Annahmen über die Wirklichkeit
gemeint, z.B. zu glauben, das „Ich" existiere wirklich, oder
zu meinen, Erleuchtung wäre unmöglich und schädliche
Handlungen hätten keine über die unmittelbare Situation
hinausgehenden Folgen. All dies sind Annahmen, die – wenn wir
an ihnen auf dogmatische Art und Weise festhalten – unseren Weg
blockieren. Wir werden nicht offen sein dafür, etwas anderes
zu hören. Wenn wir in der Lage sind, unsere Annahmen über
die Wirklichkeit in Frage zu stellen, und dafür offen sind,
auch mal etwas anderes als unsere eigene Philosophie zu hören,
dann sind solche verkehrten Anschauungen nicht schwerwiegend.
Wenn wir aber nicht mehr offen sind, so stellt das eine totale
Blockade für den Weg zur Erleuchtung dar und wird uns in
der Unwissenheit gefangenhalten. Dogmatismus bedeutet, die eigene
Unwissenheit auf lange Zeit festzuschreiben und in den eigenen
festgefahrenen Mustern stecken zu bleiben. Der Geist wird starr
und unfähig, die eigenen Anschauungen zu überprüfen
und eventuelle Fehler in der Wahrnehmung der Wirklichkeit zu korrigieren.
Es gibt keinen Fortschritt mehr. Aber aufgepasst: auch zutreffende
Anschauungen können Dogmen werden und vom Ichanhaften für
seine eigenen Ziele eingesetzt werden. Nur der Erleuchtungsgeist
(Bodhicitta) und echte Verwirklichung schützen uns davor,
in Dogmatismus zu fallen.
Das waren die wichtigsten
Formen der Unwissenheit: Stumpfheit, Gleichgültigkeit, Zweifel
und irrige Anschauungen – und die Basis von all dem ist das Haften
an einem Ich, die grundlegende Unwissenheit.