UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Begierde–Anhaften
Das Haften
Wenn wir im Dharma
über Begierde sprechen, so benutzen wir das Wort in seinem
weitesten Sinn, nicht nur als sexuelle Begierde oder die starke
Begierde, etwas unbedingt haben zu wollen. Begierde fängt
aus Dharmasicht bereits damit an, dass wir eine Wahrnehmung, die
im Geist auftaucht, ein Objekt, eine Idee, einen Gedanke, etwas
was wir sehen, hören, usw., für angenehm halten und
mehr davon haben wollen. Zuerst ist da eine Bewertung „angenehm"
(mir angenehm), gefolgt von einem Haften, das sich dieses
Objekt aneignen oder seine Erfahrung fortsetzen möchte. Dieses
erste Haften ist zumeist recht subtil und bleibt oft unbemerkt.
Nur wenige Menschen sind sich dieser kleinen Gedanken ausreichend
bewusst.
Begierde beginnt
schon da, wenn ich im Garten spazieren gehe, eine wunderschöne
Blume sehe und mir sage: „Oh, diese Blume möchte ich in meinem
Schlafzimmer haben!" Der Moment des „Ich möchte haben"
ist bereits der Moment der Begierde. Von Begierde (Anhaften) geprägte
Handlungen auszuführen kann also durchaus auch ohne Schaden
für andere sein. Wenn ich eine Blume pflücke, so füge
ich anderen kein Leid zu. Handlungen aus Begierde sind keineswegs
immer schädlich für andere. Mit Begierde ist dieses
Anhaften und Festhaltenwollen von einem für wirklich existent
gehaltenen Objekt gemeint.
Wie sich Anhaften
bis zur Abhängigkeit steigert
Alles beginnt mit
dem Wunsch, etwas, das uns angenehm erscheint, haben zu wollen.
Dies kann ein konkret vorhandenes Objekt sein oder ein imaginäres
Objekt, wie Ansehen, Ruhm, Glück usw. Ein Gedanke, eine Wahrnehmung
taucht auf, wird als angenehm bewertet, es entsteht Interesse
an diesem Objekt (oder dieser Person) und das Haften beginnt,
Da ist z.B. wieder
diese Tasse hier. Der Geist nimmt ihre Qualitätsmerkmale
wahr und ich denke: „Oh, diese Tasse gefällt mir!" Ich
bin fasziniert und schaue sie mir noch genauer an. Es entsteht
eine Anziehung und ich entwickle den Wunsch, sie zu besitzen:
„Ach, wie wäre es doch schön, wenn ich mir diese Tasse
kaufen und mit nach Hause nehmen könnte." Dieser Wunsch
führt zu konkreten Handlungen: Ich kaufe sie und nehme sie
mit nach Hause. Mit der Zeit gewöhne ich mich an diese Tasse
und entwickle eine richtige Anhaftung daran, ich werde anhänglich.
Wenn jemand anders aus der Tasse trinken möchte, biete ich
ihm lieber eine andere an. Es fällt mir schwer, mich von
meiner Tasse zu trennen. Wenn ich die Tasse nicht mitnehmen
kann auf meine Reisen oder zum Unterricht, fühle ich mich
unwohl. Ich möchte immer aus dieser Tasse trinken. Ich bin
dabei diese Gewohnheit immer mehr zu kultivieren. Immer wieder
denke ich: „Ach, wie schön ist diese Tasse", eine gewisse
Abhängigkeit entsteht, bis ich, um das Beispiel auf die Spitze
zu treiben, nicht einmal mehr aus einer anderen Tasse trinken
kann. Das ist völlige Abhängigkeit, denn nun ist jede
Trennung von der Tasse schmerzhaft, fast unerträglich – und
alles begann mit einem Gedanken: „Oh, wie angenehm!"
Wie können
wir aus der Kette des Anhaftens aussteigen?
Wir können die
Tasse in diesem Beispiel natürlich durch jedes andere x-beliebige
Objekt oder auch durch eine Person ersetzen. Der beschriebene
Prozess läuft zum Glück nicht zwangsläufig so ab.
Wir können ihn an jedem beliebigen Punkt unterbrechen, indem
wir uns sagen: „Jetzt reicht's aber, Du bist wohl völlig
verrückt geworden. Es gibt noch andere Tassen in der Welt.
Lass doch diese Tasse los!" Das ist genau das, was wir im
Dharma machen: Wir nutzen unsere Möglichkeiten, die Ketten
des Anhaftens zu unterbrechen. Im Grunde können wir uns direkt
beim ersten Anblick dieser hübschen Tasse, im ersten Moment
des Anhaftens, sagen: „Hoppla, entspann doch mal, das ist doch
nur eine Tasse." Wir erinnern uns, dass diese Tasse nur ein
vergängliches Objekt ist und keine Quelle bleibenden Glücks.
Auch wenn wir diesen
ersten Moment verpasst haben und diese Tasse, die uns so gut gefällt,
schon nach Hause gebracht haben, können wir innehalten: „Oh
Lhündrub, du bist dabei, Anhaftung zu entwickeln! Wie wäre
es denn, wenn du die Tasse verschenken würdest? Schenke sie
doch einfach jemandem und verwandle dein Anhaften in Großzügigkeit!"
Aber schwierig wird
es, wenn wir bereits eine Abhängigkeit entwickelt haben.
Dann müssen wir eine Entzugskur machen, indem wir uns sagen:
„Aber jetzt nehme ich alle Kraft zusammen. Ich lasse die Tasse
jetzt zu Hause und werde unterwegs aus einer anderen Tasse trinken.
Ich probiere mal, ob ich das schaffe." Und wenn ich das aushalte,
habe ich ein Stück Freiheit gewonnen, die Freiheit, auch
mal aus anderen Tassen zu trinken.
So ist das mit jedem
Objekt des Anhaftens: Ob Zigarette oder Freundin, was auch immer,
die Kinder, das Auto – wir haben immer den gleichen Prozess zunehmender
Anhaftung. Und das nennt man das Geistesgift der Begierde. Anhaften
prägt sich immer tiefer ein und steigert sich bis zu völliger
Abhängigkeit. Es führt zu Unfreiheit und Spannung im
Geist und zu vielen leiderzeugenden Handlungen aufgrund von Habenwollen
und Verteidigen.
Trennungsangst
Aufgrund unseres
Anhaftens führen wir jede Menge von Handlungen aus, um das
Objekt unseres Anhaftens wirklich fest und sicher in unserem Einflussbereich
zu halten. Wir versuchen, eine Beziehung zwischen uns und dem
Objekt herzustellen, die wie ein unauflöslicher Klebstoff
wirken soll. Und alles, was dazu führen könnte, dass
diese Verbindung zwischen mir und dem Objekt gestört wird,
betrachten wir als Feind, gegen den wir uns wehren müssen.
Wir halten dieses Objekt, so gut wir können, in unserem Territorium.
Alles, was von außen kommt und eine Gefahr darstellt, wird
abgewehrt, abgewiesen und falls nötig zerstört. Aufgrund
unseres Anhaftens, unserer Begierde, gehen wir so weit, uns zu
Handlungen des Ärgers, der Wut, der Aggressivität und
der Zerstörung in jeder Form hinreißen zu lassen. Einfach
nur, weil wir etwas, an dem wir hängen, beschützen wollen.
Warum eigentlich?
Wir haben Angst vor der Trennung, vor dem Verlust. Diese Angst
ist Teil des Anhaftens, denn es wird als unangenehm erlebt, von
etwas Angenehmen, Geliebtem, getrennt zu werden. Wir haben Angst,
unsere privilegierte Beziehung mit dem Objekt zu verlieren, Angst,
uns dann allein wiederzufinden, hungrig, mit diesem Gefühl
der Leere und des Unbefriedigtseins. Wir setzen alles daran, diesem
Unbehagen zu entgehen. Wir sind auf der Flucht, bereit, uns auf
vielerlei Anhaftungen und Ablenkungen einzulassen, nur um der
Konfrontation mit unserer Wirklichkeit zu entgehen.
Begierde–Anhaften
als Basis aller Emotionen
Bei genauerem Hinschauen
beruhen alle Ängste auf Anhaften, dem Haften an etwas, was
wir wollen, und der Angst, es nicht zu bekommen. Wir können
auch sagen: Alles Aufgewühltsein im Geist kommt vom Anhaften.
Wo es Anhaften gibt, ist der Geist aufgewühlt, denn er will
etwas haben und etwas anderes nicht haben. Ein wilder, aufgewühlter
Geist ist die Folge von starkem Anhaften.
Wir können auch
sagen, dass es ohne Begierde keine Wut, keinen Ärger und
keinen Zorn gibt. Dort, wo sich Aggressivität manifestiert,
findet sich stets korrespondierend dazu ein Anhaften, eine Begierde.
Ich möchte meine Ruhe haben und bin deswegen ärgerlich,
wenn jemand meine Ruhe stört. Ich möchte besitzen und
bin ärgerlich auf jeden, der mir etwas wegnimmt. Ich möchte
angesehen sein und bin deshalb ärgerlich auf jeden, der mein
Ansehen untergräbt, usw. Immer wenn Ärger auftaucht,
liegt dem ein Anhaften zugrunde.
Auch Stolz baut auf
Begierde und Anhaften auf. Stolz haften wir an unseren eigenen
Qualitäten, an dem, was wir zu sein meinen oder sein wollen.
Wir haften an allem, was uns als Grundlage für unseren Stolz
einfällt: Gesundheit, Stärke, Macht, Ansehen, Reichtum
usw. Alles kann für den Stolz herhalten. Die besondere Form
des Haften an diesem Objekt, das ich selbst bin, nennen wir Stolz.
Ohne Anhaften gibt es keinen Stolz.
Das Gleiche gilt
für die Eifersucht. Ohne Haften gäbe es keinen Neid,
keine Eifersucht. Wir identifizieren uns mit etwas und wollen
ein Objekt oder eine Qualität in unserem Leben haben. Nur
wenn wir an etwas haften, macht es uns etwas aus, wenn jemand
anders dieses Etwas besitzt, das wir noch nicht haben oder von
dem wir nicht so viel haben, wie er.