UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheHabsucht und Geiz

Wenn wir weitermachen in diesem Habenwollen und Ansammeln von Dingen, dann werden wir bald nicht nur eine Tasse haben, sondern eine zweite, eine dritte, zehn, zwanzig, dreißig, bis wir für jeden Tag eine Tasse haben. Und nicht nur das. Wir werden Freunde sammeln, wir werden Geld sammeln, Geschichten sammeln, mit denen wir auftrumpfen können, Erinnerungen, Eroberungen, Abenteuer, was auch immer. Wir werden versuchen, unser Territorium ständig um neue Dinge zu bereichern, um uns mit immer mehr identifizieren zu können. Wir werden Vorkehrungen treffen, stets für jede Situation etwas parat zu haben, mit dem wir unsere Unruhe, unser begieriges Suchen, stillen können. Es soll nicht vorkommen, dass wir vielleicht einmal hilflos einem kleinen Hunger ausgeliefert sind. Unser Territorium wird sich so immer mehr ausweiten und wir werden aus Angst nicht in der Lage sein zu teilen.

Wenn wir noch teilen können mit anderen, dann ist das ein Zeichen, dass Begierde und Angst noch nicht völlig die Oberhand gewonnen haben. Wenn ich aber voll im Anhaften stecke, kann ich selbst meine dreißigste oder hundertste Tasse nicht abgeben. Es ist völlig unmöglich, weil diese Tasse zu mir gehört. Ich würde ja etwas verlieren. Vielleicht wird sie mir einmal fehlen, wenn ich ein Getränk nur aus genau dieser speziellen Tasse trinken mag. Ja, dieses Risiko müsste ich eingehen, denn die verschenkte Tasse fehlt dann in meinem weiteren Leben. Immer wenn ich etwas abgebe, entsteht ein Loch in meinem Territorium und es könnte einmal ein Bedürfnis entstehen, das ich dann nicht mehr erfüllen kann.

Es kann passieren, dass ich in meinem Ansammeln von allem, was einmal nützlich sein könnte, z.B. eine Schnur beiseite lege. Diese Schnur könnte mir mal helfen, etwas zusammenzuschnüren, das man mit so einer Schnur halt bestens zusammenschnüren kann. Und jetzt kommt mein Mann und will diese Schnur wegwerfen. Ich werde ihn anfahren: „Was unterstehst Du Dich! Diese Schnur kann noch sehr nützlich sein!" So haben wir jede Menge Kleinigkeiten versteckt, die wie die Schnur für irgendeine Situation bestimmt sind, die einmal auftauchen könnte. Und niemand kann uns einreden, dass diese Situation nie eintreten wird. Wenn sie dann auftaucht und wir haben die entsprechende Schnur nicht, ist das für uns umso schlimmer, wenn wir sie bereits einmal hatten, aber weggeworfen haben. Wir werden den Moment verfluchen, in dem wir sie weggeworfen haben. Und so ist das ganze Leben des Anhaftens ein sich Vergewissern, dass für jedes Bedürfnis, für jede Situation eine Antwort bereitsteht, damit wir nie mit der unangenehmen Erfahrung in Berührung kommen: „Ich habe nicht das, was ich gerade meine zu brauchen."

Die Untrennbarkeit von Haften und Unwissenheit

Frage: Wie hängen Unwissenheit und Begierde zusammen?

Antwort: Eigentlich sind sie völlig identisch, da ich im Moment des Anhaftens bereits in der Unwissenheit bin. Ich hafte nur deshalb an etwas, weil ich unwissend bin. Ich erkenne nicht, dass alle Objekte des Haftens nur von relativem Nutzen sind und kein wahres Glück schenken können. Und je mehr ich anhafte, desto weniger weiß ich das, ich werde immer unwissender. Aus Unwissenheit lasse ich mich in Abhängigkeiten hineinziehen und verliere meine Freiheit. In jungen Jahren hatte ich vielleicht das Gefühl: „Och, mit ein paar wenigen Sachen bin ich eigentlich gut genug gerüstet. Das reicht mir völlig aus fürs Leben. Selbst alleine zu leben ist in Ordnung." Aber je mehr ich mich daran gewöhne, eine Freundin zu haben, Annehmlichkeiten usw., je mehr ich meinen Lebensbereich und meine Identifikationen ausdehne, desto stärker stellt sich das Gefühl ein: „Ich brauche all diese Dinge zum Leben, um glücklich zu sein." Das ist Unwissenheit. Ich weiß nicht mehr, dass mein Glück, meine Freude, unabhängig von all diesen Objekten ist, dass ich Freude und Glück nur im Loslassen finden kann. Statt dessen hafte ich immer mehr. Ich werde es so gewohnt zu haften, dass es mir völlig unvorstellbar erscheint, im Loslassen glücklich zu werden. Das ist der Gipfel der Unwissenheit, das genaue Gegenteil von Weisheit: Das, was Leid verursacht, halte ich für Glück, für meine unentbehrliche Lebensgrundlage, und das was Glück verursacht, halte ich für gefährlich, für eine Bedrohung.

Frage: Das ist ja alles schön und gut. Wir lachen und sind mit dem Thema ja auch schon recht vertraut. Aber ist es nicht auch ein Zeichen von Anhaften, wenn man im Dharma Roben trägt, Rituale ausführt und sich mit dem Dharma identifiziert?

Antwort: Es gibt viele Anhaftungen auch auf dem Dharmaweg. Was das Haften an der Robe angeht, um das erste Beispiel zu nehmen, so tragen wir die Robe nicht für uns, sondern für die, die uns begegnen, als Zeichen, dass da jemand ist, der den Dharma praktiziert und auch erklären kann. Mir selber ist es völlig egal, welche Kleider ich trage. Ich fühle mich genauso wohl in anderen Kleidern.

Es ist schwierig, von außen zu beurteilen, ob jemand haftet oder nicht. Wenn er sauer wird, weil man ihm etwas wegnimmt, dann ist der Fall klar. Er leidet unter dem Verlust. Das Leid, das wir verspüren, wenn wir von etwas getrennt sind, ist Zeichen unserer Anhaftung. Wenn kein Leid entsteht, ist das ein Zeichen, dass keine Anhaftung da ist. Wenn jemand viele Dinge besitzt, so ist das noch lange kein sicheres Zeichen, dass er anhaftet. Es kann für ihn überhaupt kein Problem sein, etwas herzugeben, er ist völlig freigebig. Von daher ist das Haben oder Nichthaben von Dingen kein Anzeichen dafür, wie stark wir anhaften. Es kommt auf die Geisteshaltung an.

Genauso ist das im Dharma, wo sich die Dinge auf einer inneren Ebene abspielen. Ob man an Anerkennung haftet oder nicht, muss jeder in seinem eigenen Geist erforschen. Vielleicht denke ich z.B.: „Oh, jemand hat daran gedacht, mir eine Tasse hinzustellen, damit ich während der Unterweisung etwas trinken kann. Er weiß genau, was für ein wichtiger Lama ich bin und wie man seinen Respekt zeigt." Wenn solche Gedanken in meinem Geist auftauchen, dann muss ich mit meinem Anhaften und Stolz arbeiten. Das kann man aber von außen nicht sehen. Die Tatsache, dass hier eine Tasse steht, bedeutet nicht zwangsläufig, dass derjenige, der aus der Tasse trinkt, stolz darauf ist, das diese Tasse für ihn hingestellt wurde. Das kann nur er selbst wissen.

Frage: Aber wie ist es am Anfang des Weges, wenn man nicht leiden will. Man hat Anhaftungen, vor allem daran, dass man glücklich sein will. Verliert sich die Anhaftung daran mit der Zeit auf dem Weg oder wie löst sich dieses Paradox?

Antwort: Dieses Haften am Glücklichseinwollen und Nichtleidenwollen löst sich tatsächlich im Laufe des Weges auf und zwar mittels unseres zunehmenden Gewahrseins der anderen Lebewesen. Indem ich sehe, dass mein Wunsch nach Glück genauso groß ist wie der aller anderen, und sehe, dass mein Wunsch Leid zu vermeiden genauso groß ist, wie der Wunsch anderer, richte ich mein Handeln darauf aus, für alle Glück zu erreichen und für alle Leid zu vermeiden. Mein eigenes Streben nach Glück ist darin eingebettet. Indem ich andere in mein Blickfeld mit hineinnehme, beginnen sie mir wichtiger zu werden. Ich bin dann oft sogar bereit, Unannehmlichkeiten persönlicher Art auf mich zu nehmen, um insgesamt eine bessere Situation zu schaffen, um für alle mehr Glück zu erzeugen. Ich sehe plötzlich: „Ach, mein Leid ist im Vergleich zu dem Leid anderer ja gar nicht so groß. Andere leiden ja noch viel mehr als ich." Plötzlich beginnt das Ganze zu kippen. Wir werden uns zunehmend des Leides der anderen bewusst, mehr als des eigenen, weil wir selbst eigentlich noch relativ viel Freiheiten haben.

Und dann entsteht Geduld, die Fähigkeit, Schwierigkeiten auszuhalten. Wir sehen, wie gut es uns eigentlich geht im Verhältnis zu anderen und dass wir selber auch glücklicher sind, wenn wir ihnen helfen können. So entsteht im Laufe des Weges die Fähigkeit, Leid zu ertragen, bis wir schließlich erkennen, dass Leid und Freude sehr relative Begriffe sind. Sie sind in ihrer wahren Natur, in der Erfahrung ihrer Leerheit, völlig identisch. Unsere Bewertungen von Freude und Leid sind relativ, sie sind Ausdruck unserer persönlichen Vorlieben und Abneigungen. So entsteht am Ende des Weges eine wirkliche Fähigkeit, angenehme wie schwierige Situationen ohne Unterscheidung auf sich zu nehmen.

Mit dem Erkennen der identischen Natur von Leid und Freude beginnt der Praxisabschnitt, wo allmählich alle Erfahrungen, die im Geist auftauchen, den „Geschmack" der offenen Natur des Geistes haben. Der Praktizierende findet immer wieder in diese Verwirklichung hinein und tritt ein in die Phase des „Einen Geschmackes aller Erscheinungen". Dies ist bereits eine hohe Verwirklichung, die zur Verwirklichung der Buddhaschaft führt. Ein Buddha braucht sich nicht einmal daran zu erinnern, dass es da noch etwas wie die wahre Natur des Geistes zu erkennen gibt, denn er lebt stets in dieser wahren Natur des Geistes und aller Erscheinungen.

Frage: Wir sprechen die ganze Zeit von Objekten, wie ist es denn mit Personen? Das ist doch eine sehr heikle Angelegenheit, wenn ich merke, dass ich zu stark hafte an einer Person. Dann kann ich doch nicht einfach sagen, jetzt mache ich drei Wochen Pause und gehe einfach fort. Damit muss man doch irgendwie ein bisschen einfühlsamer umgehen...?

Ja natürlich! Unsere größten Anhaftungen sind ja die Anhaftungen an Personen. Unsere Freunde und Geliebten festhalten zu wollen ist das, was uns am meisten beschäftigt. Beim Loslassen des Anhaftens an Personen geht es darum, dieses Zugreifen und Festhaltenwollen zu verwandeln in ein Unterstützen, in eine wirkliche Liebe, der Liebe den Raum zu geben – und sie nicht zu ersticken im Zugriff der beiden Personen aufeinander. Für gewöhnlich halten sich beide Personen fest und ersticken so mit zunehmender Anhaftung die Liebe, die in ihnen ist. Wenn ich eine Beziehung über lange Zeit auf fruchtbare Weise leben möchte, dann muss ich immer wieder diese Bewegung machen des Sichöffnens und Loslassens –Loslassen nicht im Sinne von Fallenlassen, sondern als ein Zulassen von dieser Offenheit, in der die Liebe wieder zum Vorschein kommen kann. Dann bin ich in der Lage, wirklich auf den anderen zuzugehen, ihm oder ihr von Herzen zu geben, Hinwendung, Unterstützung, all die vielen Ausdrücke mit denen wir Liebe bezeichnen.

Liebe ist, fügt Tschödrön hinzu, der Wunsch, dass es dem anderen gut geht, sie ist eine Hinwendung zum anderen. Alles andere ist „Habenwollen", Anhaftung, und aus Anhaftung entsteht Leid. Um Beziehungen sinnvoll zu leben, müssen wir aus dem Greifen ins Geben, ins Unterstützen hineinfinden.

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