UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Habsucht
und Geiz
Wenn wir weitermachen
in diesem Habenwollen und Ansammeln von Dingen, dann werden wir
bald nicht nur eine Tasse haben, sondern eine zweite, eine dritte,
zehn, zwanzig, dreißig, bis wir für jeden Tag eine
Tasse haben. Und nicht nur das. Wir werden Freunde sammeln, wir
werden Geld sammeln, Geschichten sammeln, mit denen wir auftrumpfen
können, Erinnerungen, Eroberungen, Abenteuer, was auch immer.
Wir werden versuchen, unser Territorium ständig um neue Dinge
zu bereichern, um uns mit immer mehr identifizieren zu können.
Wir werden Vorkehrungen treffen, stets für jede Situation
etwas parat zu haben, mit dem wir unsere Unruhe, unser begieriges
Suchen, stillen können. Es soll nicht vorkommen, dass wir
vielleicht einmal hilflos einem kleinen Hunger ausgeliefert sind.
Unser Territorium wird sich so immer mehr ausweiten und wir werden
aus Angst nicht in der Lage sein zu teilen.
Wenn wir noch teilen
können mit anderen, dann ist das ein Zeichen, dass Begierde
und Angst noch nicht völlig die Oberhand gewonnen haben.
Wenn ich aber voll im Anhaften stecke, kann ich selbst meine dreißigste
oder hundertste Tasse nicht abgeben. Es ist völlig unmöglich,
weil diese Tasse zu mir gehört. Ich würde ja
etwas verlieren. Vielleicht wird sie mir einmal fehlen, wenn ich
ein Getränk nur aus genau dieser speziellen Tasse trinken
mag. Ja, dieses Risiko müsste ich eingehen, denn die verschenkte
Tasse fehlt dann in meinem weiteren Leben. Immer wenn ich etwas
abgebe, entsteht ein Loch in meinem Territorium und es könnte
einmal ein Bedürfnis entstehen, das ich dann nicht mehr erfüllen
kann.
Es kann passieren,
dass ich in meinem Ansammeln von allem, was einmal nützlich
sein könnte, z.B. eine Schnur beiseite lege. Diese Schnur
könnte mir mal helfen, etwas zusammenzuschnüren, das
man mit so einer Schnur halt bestens zusammenschnüren kann.
Und jetzt kommt mein Mann und will diese Schnur wegwerfen. Ich
werde ihn anfahren: „Was unterstehst Du Dich! Diese Schnur kann
noch sehr nützlich sein!" So haben wir jede Menge Kleinigkeiten
versteckt, die wie die Schnur für irgendeine Situation bestimmt
sind, die einmal auftauchen könnte. Und niemand kann uns
einreden, dass diese Situation nie eintreten wird. Wenn sie dann
auftaucht und wir haben die entsprechende Schnur nicht, ist das
für uns umso schlimmer, wenn wir sie bereits einmal hatten,
aber weggeworfen haben. Wir werden den Moment verfluchen, in dem
wir sie weggeworfen haben. Und so ist das ganze Leben des Anhaftens
ein sich Vergewissern, dass für jedes Bedürfnis, für
jede Situation eine Antwort bereitsteht, damit wir nie mit der
unangenehmen Erfahrung in Berührung kommen: „Ich habe nicht
das, was ich gerade meine zu brauchen."
Die Untrennbarkeit
von Haften und Unwissenheit
Frage: Wie hängen
Unwissenheit und Begierde zusammen?
Antwort: Eigentlich
sind sie völlig identisch, da ich im Moment des Anhaftens
bereits in der Unwissenheit bin. Ich hafte nur deshalb an etwas,
weil ich unwissend bin. Ich erkenne nicht, dass alle Objekte des
Haftens nur von relativem Nutzen sind und kein wahres Glück
schenken können. Und je mehr ich anhafte, desto weniger weiß
ich das, ich werde immer unwissender. Aus Unwissenheit lasse ich
mich in Abhängigkeiten hineinziehen und verliere meine Freiheit.
In jungen Jahren hatte ich vielleicht das Gefühl: „Och, mit
ein paar wenigen Sachen bin ich eigentlich gut genug gerüstet.
Das reicht mir völlig aus fürs Leben. Selbst alleine
zu leben ist in Ordnung." Aber je mehr ich mich daran gewöhne,
eine Freundin zu haben, Annehmlichkeiten usw., je mehr ich meinen
Lebensbereich und meine Identifikationen ausdehne, desto stärker
stellt sich das Gefühl ein: „Ich brauche all diese Dinge
zum Leben, um glücklich zu sein." Das ist Unwissenheit.
Ich weiß nicht mehr, dass mein Glück, meine Freude,
unabhängig von all diesen Objekten ist, dass ich Freude und
Glück nur im Loslassen finden kann. Statt dessen hafte ich
immer mehr. Ich werde es so gewohnt zu haften, dass es mir völlig
unvorstellbar erscheint, im Loslassen glücklich zu werden.
Das ist der Gipfel der Unwissenheit, das genaue Gegenteil von
Weisheit: Das, was Leid verursacht, halte ich für Glück,
für meine unentbehrliche Lebensgrundlage, und das was Glück
verursacht, halte ich für gefährlich, für eine
Bedrohung.
Frage: Das ist
ja alles schön und gut. Wir lachen und sind mit dem Thema
ja auch schon recht vertraut. Aber ist es nicht auch ein Zeichen
von Anhaften, wenn man im Dharma Roben trägt, Rituale ausführt
und sich mit dem Dharma identifiziert?
Antwort: Es gibt
viele Anhaftungen auch auf dem Dharmaweg. Was das Haften an der
Robe angeht, um das erste Beispiel zu nehmen, so tragen wir die
Robe nicht für uns, sondern für die, die uns begegnen,
als Zeichen, dass da jemand ist, der den Dharma praktiziert und
auch erklären kann. Mir selber ist es völlig egal, welche
Kleider ich trage. Ich fühle mich genauso wohl in anderen
Kleidern.
Es ist schwierig,
von außen zu beurteilen, ob jemand haftet oder nicht. Wenn
er sauer wird, weil man ihm etwas wegnimmt, dann ist der Fall
klar. Er leidet unter dem Verlust. Das Leid, das wir verspüren,
wenn wir von etwas getrennt sind, ist Zeichen unserer Anhaftung.
Wenn kein Leid entsteht, ist das ein Zeichen, dass keine Anhaftung
da ist. Wenn jemand viele Dinge besitzt, so ist das noch lange
kein sicheres Zeichen, dass er anhaftet. Es kann für ihn
überhaupt kein Problem sein, etwas herzugeben, er ist völlig
freigebig. Von daher ist das Haben oder Nichthaben von Dingen
kein Anzeichen dafür, wie stark wir anhaften. Es kommt auf
die Geisteshaltung an.
Genauso ist das im
Dharma, wo sich die Dinge auf einer inneren Ebene abspielen. Ob
man an Anerkennung haftet oder nicht, muss jeder in seinem eigenen
Geist erforschen. Vielleicht denke ich z.B.: „Oh, jemand hat daran
gedacht, mir eine Tasse hinzustellen, damit ich während der
Unterweisung etwas trinken kann. Er weiß genau, was für
ein wichtiger Lama ich bin und wie man seinen Respekt zeigt."
Wenn solche Gedanken in meinem Geist auftauchen, dann muss ich
mit meinem Anhaften und Stolz arbeiten. Das kann man aber von
außen nicht sehen. Die Tatsache, dass hier eine Tasse steht,
bedeutet nicht zwangsläufig, dass derjenige, der aus der
Tasse trinkt, stolz darauf ist, das diese Tasse für ihn hingestellt
wurde. Das kann nur er selbst wissen.
Frage: Aber wie
ist es am Anfang des Weges, wenn man nicht leiden will. Man hat
Anhaftungen, vor allem daran, dass man glücklich sein will.
Verliert sich die Anhaftung daran mit der Zeit auf dem Weg oder
wie löst sich dieses Paradox?
Antwort: Dieses Haften
am Glücklichseinwollen und Nichtleidenwollen löst sich
tatsächlich im Laufe des Weges auf und zwar mittels unseres
zunehmenden Gewahrseins der anderen Lebewesen. Indem ich sehe,
dass mein Wunsch nach Glück genauso groß ist wie der
aller anderen, und sehe, dass mein Wunsch Leid zu vermeiden genauso
groß ist, wie der Wunsch anderer, richte ich mein Handeln
darauf aus, für alle Glück zu erreichen und für
alle Leid zu vermeiden. Mein eigenes Streben nach Glück ist
darin eingebettet. Indem ich andere in mein Blickfeld mit hineinnehme,
beginnen sie mir wichtiger zu werden. Ich bin dann oft sogar bereit,
Unannehmlichkeiten persönlicher Art auf mich zu nehmen, um
insgesamt eine bessere Situation zu schaffen, um für alle
mehr Glück zu erzeugen. Ich sehe plötzlich: „Ach, mein
Leid ist im Vergleich zu dem Leid anderer ja gar nicht so groß.
Andere leiden ja noch viel mehr als ich." Plötzlich
beginnt das Ganze zu kippen. Wir werden uns zunehmend des Leides
der anderen bewusst, mehr als des eigenen, weil wir selbst eigentlich
noch relativ viel Freiheiten haben.
Und dann entsteht
Geduld, die Fähigkeit, Schwierigkeiten auszuhalten. Wir sehen,
wie gut es uns eigentlich geht im Verhältnis zu anderen und
dass wir selber auch glücklicher sind, wenn wir ihnen helfen
können. So entsteht im Laufe des Weges die Fähigkeit,
Leid zu ertragen, bis wir schließlich erkennen, dass Leid
und Freude sehr relative Begriffe sind. Sie sind in ihrer wahren
Natur, in der Erfahrung ihrer Leerheit, völlig identisch.
Unsere Bewertungen von Freude und Leid sind relativ, sie sind
Ausdruck unserer persönlichen Vorlieben und Abneigungen.
So entsteht am Ende des Weges eine wirkliche Fähigkeit, angenehme
wie schwierige Situationen ohne Unterscheidung auf sich zu nehmen.
Mit dem Erkennen
der identischen Natur von Leid und Freude beginnt der Praxisabschnitt,
wo allmählich alle Erfahrungen, die im Geist auftauchen,
den „Geschmack" der offenen Natur des Geistes haben. Der
Praktizierende findet immer wieder in diese Verwirklichung hinein
und tritt ein in die Phase des „Einen Geschmackes aller Erscheinungen".
Dies ist bereits eine hohe Verwirklichung, die zur Verwirklichung
der Buddhaschaft führt. Ein Buddha braucht sich nicht einmal
daran zu erinnern, dass es da noch etwas wie die wahre Natur des
Geistes zu erkennen gibt, denn er lebt stets in dieser wahren
Natur des Geistes und aller Erscheinungen.
Frage: Wir sprechen
die ganze Zeit von Objekten, wie ist es denn mit Personen? Das
ist doch eine sehr heikle Angelegenheit, wenn ich merke, dass
ich zu stark hafte an einer Person. Dann kann ich doch nicht einfach
sagen, jetzt mache ich drei Wochen Pause und gehe einfach fort.
Damit muss man doch irgendwie ein bisschen einfühlsamer umgehen...?
Ja natürlich!
Unsere größten Anhaftungen sind ja die Anhaftungen
an Personen. Unsere Freunde und Geliebten festhalten zu wollen
ist das, was uns am meisten beschäftigt. Beim Loslassen des
Anhaftens an Personen geht es darum, dieses Zugreifen und Festhaltenwollen
zu verwandeln in ein Unterstützen, in eine wirkliche Liebe,
der Liebe den Raum zu geben – und sie nicht zu ersticken im Zugriff
der beiden Personen aufeinander. Für gewöhnlich halten
sich beide Personen fest und ersticken so mit zunehmender Anhaftung
die Liebe, die in ihnen ist. Wenn ich eine Beziehung über
lange Zeit auf fruchtbare Weise leben möchte, dann muss ich
immer wieder diese Bewegung machen des Sichöffnens und Loslassens
–Loslassen nicht im Sinne von Fallenlassen, sondern als ein Zulassen
von dieser Offenheit, in der die Liebe wieder zum Vorschein kommen
kann. Dann bin ich in der Lage, wirklich auf den anderen zuzugehen,
ihm oder ihr von Herzen zu geben, Hinwendung, Unterstützung,
all die vielen Ausdrücke mit denen wir Liebe bezeichnen.
Liebe ist, fügt
Tschödrön hinzu, der Wunsch, dass es dem anderen gut
geht, sie ist eine Hinwendung zum anderen. Alles andere ist „Habenwollen",
Anhaftung, und aus Anhaftung entsteht Leid. Um Beziehungen sinnvoll
zu leben, müssen wir aus dem Greifen ins Geben, ins Unterstützen
hineinfinden.