UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Langeweile
Speziell in der Meditation
und auch im Dharma allgemein gibt es zwei wichtige Erfahrungen,
die zu großen Hindernissen werden können: Einsamkeit
und Langeweile. Langeweile bedeutet: Ich sitze auf meinem Meditationskissen
und es wird mir zu lang, die Zeit will überhaupt nicht vergehen,
es dauert einfach viel zu lange. Ich hätte so gerne etwas,
das mich ablenkt. Etwas, nach dem ich greifen könnte, das
mich fasziniert, stimuliert und mich aus dem Loch herausholt,
in das ich da gesunken bin. Es passiert ja überhaupt nichts
Interessantes mehr! Diese Suche nach etwas, das mein Interesse,
meine Faszination weckt, ist Anhaften. Wenn ich Langeweile erfahre,
dann ist die Diagnose 100% klar: Ich bin im Anhaften. Ich suche.
Ich suche nach Ablenkung, verzweifelt. Und dieses Suchen ist ein
Ausdruck dafür, dass ich hungrig bin, dass ich ‚Durst‘ habe
und mich leer fühle, dass ich unbedingt etwas von außen
brauche, Gedanken oder Ideen, die diese Leere in mir auffüllen.
Das ist Begierde: nicht mit der vermeintlichen Leere in mir umgehen
zu können. Wir müssen diese Leere auffüllen und
suchen außen.
Wenn wir uns entspannen
und in diese Leere hinein öffnen können, dann gibt es
keine Langeweile mehr, denn sie ist das Zeichen für einen
angespannten Geist, der auf der Suche ist. Aber wir können
der Langeweile nicht entgehen, auch nicht mit den Visualisationen,
Rezitationen und Mantren unserer Praxis. Wir schaffen es nicht,
die Kurve um die Langeweile zu kriegen, denn auch in der Praxis
wiederholt sich alles immer wieder: stets die selben Visualisationen,
immer wieder die selben Mantren. Wir müssen der Langeweile
begegnen und durch sie hindurch entspannen, bis wir sozusagen
„auf der anderen Seite" in tiefer Entspannung wieder herauskommen
und keine Angst mehr davor haben, uns hinzusetzen und der Langeweile
zu begegnen.
Die Angst vor der
Langeweile hält viele vom Meditieren ab. Man hat Angst, sich
fürchterlich zu langweilen. Doch wenn wir es schaffen uns
zu entspannen, dauert Langeweile nur einen Moment, denn sobald
die Entspannung einsetzt, ist die Langeweile vorbei. Wenn wir
in der Langeweile sitzen und es uns nicht gelingt herauszukommen,
so ist das ein Zeichen, dass wir noch nicht gelernt haben zu entspannen.
Das mag sehr hart sein, dass ich das so sage, aber es ist die
Wahrheit. Und es ist besser, dem ins Gesicht zu schauen und zu
sagen: „OK, ich habe tatsächlich noch viel zu lernen in der
Entspannung", statt auf die Ausrede zu hören: „Das klappt
doch gar nicht mit der Entspannung. Meditieren ist reine Selbstquälerei."
Wir sind halt noch ziemlich verspannt, gefangen in der Langeweile
und in der Suche nach Ablenkung.
Einsamkeit
Die zweite große
Schwierigkeit, der wir beim Meditieren begegnen, ist die Einsamkeit.
Wir haben Gefühle von Einsamkeit, weil wir uns getrennt fühlen.
Wir haben das Bedürfnis, mit jemandem in Kontakt zu treten,
aus unserem Gefängnis des Alleinseins, des auf uns selber
Zurückgeworfenseins auszutreten und durch Kommunikation eine
Öffnung herzustellen. Und wenn wir in der Begegnung mit anderen
wirklich loslassen und uns öffnen können, dann sind
wir auch das Gefühl von Einsamkeit los. Zwei Menschen, die
sich in wirklicher Offenheit begegnen, erleben ein sich Vermischen,
fast wie eine Auflösung in der Begegnung. Das scheint mir,
ist vielleicht die Haupttriebfeder hinter dem sexuellen Bedürfnis:
verschmelzen können, der Wunsch, sich aufzulösen in
der Begegnung mit dem anderen – vielleicht, weil uns das Ich-Gefängnis
zu eng wird. Wenn bei einer Begegnung aber beide Menschen in ihrem
Haften bleiben, dann fühlen sie sich weiterhin alleine und
getrennt, obwohl sie zusammen sind. Es mag sein, dass jetzt hier
gerade jemand ist, der sich sehr alleine fühlt, obwohl er
in einer großen Gruppe von relativ offenen Menschen ist.
Es kann sein, dass wir uns auf einem großen Fest unsagbar
alleine fühlen, weil wir irgendwie gerade nicht in die Öffnung
hineinfinden.
Normalerweise suchen
wir in der Begegnung mit anderen die Öffnung und viele meinen,
sie bräuchten andere, um sich öffnen zu können.
Auf dem Dharmaweg lernen wir, uns mit uns selbst zu öffnen.
Und wenn wir das schaffen, uns innerlich ohne eine äußere
Begegnung zu öffnen, dann machen wir eine Erfahrung, die
charakteristisch für die Praxis der geistigen Ruhe (Schinä)
ist: die Erfahrung sich eins zu fühlen mit allem, mit der
ganzen Welt. Die Barrieren zwischen mir und den anderen lösen
sich auf. Es entsteht eine große innere Freiheit. In dieser
Öffnung kann ich mit anderen zusammensein oder auch alleine
sein. Ich bin nicht mehr abhängig von äußeren
Situationen, um aus der Einsamkeit herauszufinden. Einsamkeit
ist wie Langeweile ein sicheres Zeichen von Anspannung im Geist
und wenn sich das Gefühl von Einsamkeit auflöst, dann
ist es ein Zeichen, dass wir gelernt haben, uns zu entspannen.
Die Qualitäten
der Begierde
Dies soll reichen
als Beschreibung von Begierde, obwohl es sicher noch viel, viel
zu sagen gäbe. Wir könnten von der Begierde ausgehend
sämtliche Beziehungsmuster Samsaras auffächern, denn
Begierde ist der Motor von Samsara, dieser Welt des leidvollen
Gefangenseins in Dualität. Begierde ist das, was Samsara
am Laufen hält. Gestern nachmittag habt Ihr in den Kleingruppen
über die Qualitäten der Begierde gesprochen. Dazu gehören
Kreativität, Interesse, Neugier, Forscherdrang und vieles
mehr. Anhaften ist in gewisser Hinsicht der Kitt unter den Menschen.
Die Mischung von Liebe und Anhaften bringt erstaunliche Handlungen
hervor, wie z.B. die Fürsorge einer Mutter. Natürlich
ist Begierde jetzt, wenn wir sie als Begierde erleben, Ursache
von Leid. Aber wenn das Anhaften sich auflöst und zu liebevoller
Zuwendung wird, dann enthüllen sich die der Begierde innewohnenden
Qualitäten als die Liebe und Weisheit der Buddhas. Das gilt
in ähnlicher Weise für alle Emotionen. Im verwirrten
Zustand erzeugen sie Leid und im völlig offenen Zustand zeigen
sie ihre Weisheitsqualitäten.