UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheLangeweile

Speziell in der Meditation und auch im Dharma allgemein gibt es zwei wichtige Erfahrungen, die zu großen Hindernissen werden können: Einsamkeit und Langeweile. Langeweile bedeutet: Ich sitze auf meinem Meditationskissen und es wird mir zu lang, die Zeit will überhaupt nicht vergehen, es dauert einfach viel zu lange. Ich hätte so gerne etwas, das mich ablenkt. Etwas, nach dem ich greifen könnte, das mich fasziniert, stimuliert und mich aus dem Loch herausholt, in das ich da gesunken bin. Es passiert ja überhaupt nichts Interessantes mehr! Diese Suche nach etwas, das mein Interesse, meine Faszination weckt, ist Anhaften. Wenn ich Langeweile erfahre, dann ist die Diagnose 100% klar: Ich bin im Anhaften. Ich suche. Ich suche nach Ablenkung, verzweifelt. Und dieses Suchen ist ein Ausdruck dafür, dass ich hungrig bin, dass ich ‚Durst‘ habe und mich leer fühle, dass ich unbedingt etwas von außen brauche, Gedanken oder Ideen, die diese Leere in mir auffüllen. Das ist Begierde: nicht mit der vermeintlichen Leere in mir umgehen zu können. Wir müssen diese Leere auffüllen und suchen außen.

Wenn wir uns entspannen und in diese Leere hinein öffnen können, dann gibt es keine Langeweile mehr, denn sie ist das Zeichen für einen angespannten Geist, der auf der Suche ist. Aber wir können der Langeweile nicht entgehen, auch nicht mit den Visualisationen, Rezitationen und Mantren unserer Praxis. Wir schaffen es nicht, die Kurve um die Langeweile zu kriegen, denn auch in der Praxis wiederholt sich alles immer wieder: stets die selben Visualisationen, immer wieder die selben Mantren. Wir müssen der Langeweile begegnen und durch sie hindurch entspannen, bis wir sozusagen „auf der anderen Seite" in tiefer Entspannung wieder herauskommen und keine Angst mehr davor haben, uns hinzusetzen und der Langeweile zu begegnen.

Die Angst vor der Langeweile hält viele vom Meditieren ab. Man hat Angst, sich fürchterlich zu langweilen. Doch wenn wir es schaffen uns zu entspannen, dauert Langeweile nur einen Moment, denn sobald die Entspannung einsetzt, ist die Langeweile vorbei. Wenn wir in der Langeweile sitzen und es uns nicht gelingt herauszukommen, so ist das ein Zeichen, dass wir noch nicht gelernt haben zu entspannen. Das mag sehr hart sein, dass ich das so sage, aber es ist die Wahrheit. Und es ist besser, dem ins Gesicht zu schauen und zu sagen: „OK, ich habe tatsächlich noch viel zu lernen in der Entspannung", statt auf die Ausrede zu hören: „Das klappt doch gar nicht mit der Entspannung. Meditieren ist reine Selbstquälerei." Wir sind halt noch ziemlich verspannt, gefangen in der Langeweile und in der Suche nach Ablenkung.

Einsamkeit

Die zweite große Schwierigkeit, der wir beim Meditieren begegnen, ist die Einsamkeit. Wir haben Gefühle von Einsamkeit, weil wir uns getrennt fühlen. Wir haben das Bedürfnis, mit jemandem in Kontakt zu treten, aus unserem Gefängnis des Alleinseins, des auf uns selber Zurückgeworfenseins auszutreten und durch Kommunikation eine Öffnung herzustellen. Und wenn wir in der Begegnung mit anderen wirklich loslassen und uns öffnen können, dann sind wir auch das Gefühl von Einsamkeit los. Zwei Menschen, die sich in wirklicher Offenheit begegnen, erleben ein sich Vermischen, fast wie eine Auflösung in der Begegnung. Das scheint mir, ist vielleicht die Haupttriebfeder hinter dem sexuellen Bedürfnis: verschmelzen können, der Wunsch, sich aufzulösen in der Begegnung mit dem anderen – vielleicht, weil uns das Ich-Gefängnis zu eng wird. Wenn bei einer Begegnung aber beide Menschen in ihrem Haften bleiben, dann fühlen sie sich weiterhin alleine und getrennt, obwohl sie zusammen sind. Es mag sein, dass jetzt hier gerade jemand ist, der sich sehr alleine fühlt, obwohl er in einer großen Gruppe von relativ offenen Menschen ist. Es kann sein, dass wir uns auf einem großen Fest unsagbar alleine fühlen, weil wir irgendwie gerade nicht in die Öffnung hineinfinden.

Normalerweise suchen wir in der Begegnung mit anderen die Öffnung und viele meinen, sie bräuchten andere, um sich öffnen zu können. Auf dem Dharmaweg lernen wir, uns mit uns selbst zu öffnen. Und wenn wir das schaffen, uns innerlich ohne eine äußere Begegnung zu öffnen, dann machen wir eine Erfahrung, die charakteristisch für die Praxis der geistigen Ruhe (Schinä) ist: die Erfahrung sich eins zu fühlen mit allem, mit der ganzen Welt. Die Barrieren zwischen mir und den anderen lösen sich auf. Es entsteht eine große innere Freiheit. In dieser Öffnung kann ich mit anderen zusammensein oder auch alleine sein. Ich bin nicht mehr abhängig von äußeren Situationen, um aus der Einsamkeit herauszufinden. Einsamkeit ist wie Langeweile ein sicheres Zeichen von Anspannung im Geist und wenn sich das Gefühl von Einsamkeit auflöst, dann ist es ein Zeichen, dass wir gelernt haben, uns zu entspannen.

Die Qualitäten der Begierde

Dies soll reichen als Beschreibung von Begierde, obwohl es sicher noch viel, viel zu sagen gäbe. Wir könnten von der Begierde ausgehend sämtliche Beziehungsmuster Samsaras auffächern, denn Begierde ist der Motor von Samsara, dieser Welt des leidvollen Gefangenseins in Dualität. Begierde ist das, was Samsara am Laufen hält. Gestern nachmittag habt Ihr in den Kleingruppen über die Qualitäten der Begierde gesprochen. Dazu gehören Kreativität, Interesse, Neugier, Forscherdrang und vieles mehr. Anhaften ist in gewisser Hinsicht der Kitt unter den Menschen. Die Mischung von Liebe und Anhaften bringt erstaunliche Handlungen hervor, wie z.B. die Fürsorge einer Mutter. Natürlich ist Begierde jetzt, wenn wir sie als Begierde erleben, Ursache von Leid. Aber wenn das Anhaften sich auflöst und zu liebevoller Zuwendung wird, dann enthüllen sich die der Begierde innewohnenden Qualitäten als die Liebe und Weisheit der Buddhas. Das gilt in ähnlicher Weise für alle Emotionen. Im verwirrten Zustand erzeugen sie Leid und im völlig offenen Zustand zeigen sie ihre Weisheitsqualitäten.

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