UNTERWEISUNGEN

Die ausführliche Erklärung der einzelnen Emotionen

Lama Guendune RinpocheWut–Abneigung

Wut als Spiegel unserer Begierde

Wenn wir jetzt auf Ärger, Wut und Zorn zu sprechen kommen, all das, was zum Bereich der Abneigung gehört, dann haben wir es eigentlich nur mit dem Spiegelbild der Begierde zu tun. Dort, wo Begierde ist, ist auch Ärger. Dort, wo wir etwas haben wollen, wollen wir etwas anderes nicht haben. Anhaftung und Abneigung gehen immer zusammen. Obwohl die eine Seite bei uns eventuell etwas mehr ausgeprägt ist, so ist doch die andere als Möglichkeit stets vorhanden. Sobald uns das Objekt der Begierde weggenommen wird, entstehen Ärger und Wut. Sobald wir mit einer Situation konfrontiert werden, die unserem auf Begierde beruhenden Wunsch entgegengesetzt ist, erleben wir sofort Abneigung und Ärger. Wenn wir uns dieses Wechselspiel anschauen, dann wird offensichtlich, dass bei jemandem, von dem man sagen könnte, er sei ein „Begierdetyp", ebenfalls die Möglichkeit zu starken Wutausbrüchen gegeben ist, denn beides nährt sich aus der selben Kraft. Wenn starke Begierde enttäuscht wird, taucht sehr viel Ärger auf.

Wenn mir jemand sagt, er sei ein Choleriker, dann ist es ganz klar, dass sich hinter diesem schnellen Entflammen von Zorn, hinter diesem starken „Nichthabenwollen" ein ganz starkes „Habenwollen" verbirgt, ein starkes Anhaften an den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen, also eine starke Begierde. Die beiden gehen immer zusammen. Es ist ein ständiges Wechselspiel, auch wenn wir auf Grund unserer Tendenzen nach außen mehr die eine Seite zeigen als die andere.

Die Verteidigungshaltung

Wut, Ärger und Zorn zeigen an, dass unser Ego, unsere Ich-Identifikation bedroht ist. Wir fühlen uns von dem, wogegen sich unser Ärger richtet, in unserem Ichgefühl bedroht. Bedroht in dem Sinne, dass es leidvolle, unangenehme Erfahrungen mit sich bringen würde, wenn wir uns der Situation aussetzen würden, und so versuchen wir, dieses unangenehme Etwas wegzuschieben, aus der Welt zu schaffen und zu zerstören, falls uns das notwendig erscheint. Wir wollen verhindern, dass dieses unangenehme Objekt, dieser unangenehme Mensch uns Leid zufügen kann.

Wut als Ausdruck von Fixierungen und Frustrationen

Wir könnten auch sagen, dass Wut einfach Ausdruck dessen ist, dass die Dinge nicht so sind, wie wir sie haben wollen. Wir haben eine Vorstellung davon, wie unser Lebensraum sein sollte, aber die Dinge sind keineswegs so, wie wir uns das wünschen. Wir werden wütend, weil die Welt unseren Vorstellungen nicht entspricht. Wenn jemand viele Vorstellungen darüber hat, wie die Welt zu sein hat, dann wird er ständig wütend sein, weil er einfach nie das findet, was er haben will, sondern immer nur das Gegenteil. Ein ständig wütender, cholerischer Mensch hat ganz viele Vorstellungen darüber, wie die Welt und seine Umgebung zu sein hat. Deswegen ist er ständig wütend – weil er die Dinge nicht so vorfindet, wie er sie gerne haben möchte. Das ist sehr erschöpfend und frustrierend und man wird immer reizbarer.

Jemand, der sich immer wieder in Ärger verstrickt, bringt damit zum Ausdruck, dass er ganz klare, festgefahrene Ansichten darüber hat, wie die Welt zu sein hat. Und er findet tausend Gründe, warum die Welt genau so zu sein hat, wie er das meint, und nicht anders. Aber die eine, simple Tatsache, dass die Welt sich halt nicht nach guten Gründen richtet, nach tausend Argumenten, wie sie zu sein hätte, das leuchtet emotional nicht ein. Es ist ein ständiges Aufbäumen dagegen, wie die Welt tatsächlich ist. Wenn ich wütend bin, glaube ich unbewusst, dass ich die Welt durch meine Wut ändern könnte. Ich habe mich noch nicht damit abgefunden, dass sie anders ist. Doch statt die Situation zu verbessern, verschlimmert sich meist alles durch meine Wut. Dort, wo ich wütend werde, kommt Wut zurück. Die anderen gehen in die Verteidigung und statt dass die Dinge sich bewegen und zum Besseren verändern, verfestigen sie sich nur. Keiner lässt nach. Einer ist so dickköpfig wie der andere, alle haben Recht und alle kämpfen fürs Beste der Welt.

Wie es allmählich zu Wut kommt

Jetzt werden wir uns anschauen, wie sich die Wut aufbaut, wie es zu solch einem Ärger kommt und welche Formen das annimmt. Eigentlich beginnt alles mit einem Gefühl, einer unangenehmen Empfindung, einem Gedanken von etwas Unangenehmen. Dies kann eine äußere Wahrnehmung sein, etwas, das wir sehen, hören, riechen, fühlen oder schmecken oder aber ein Gedanke, eine Erinnerung oder Vorstellung, die uns unangenehm ist. Dieser geistige Eindruck, der sich im Geist zeigt, wird als unangenehm eingestuft. Aber statt diesen Eindruck einfach vorbeiziehen zu lassen, beschäftigen wir uns damit. Wir haften an und er beginnt, ein Unbehagen auszulösen, eine Irritation. Wir wollen dieses unangenehme Gefühl loswerden, rauswerfen aus unserem Geist. Statt den Gedanken loszulassen, versuchen wir, außerhalb Lösungen zu finden. Und je länger wir uns mit diesem unangenehmen Gefühl beschäftigen, desto ungeduldiger werden wir. Unser Unbehagen steigert sich zu Ärger. „Warum hört das nicht auf! Jetzt reicht es mir aber!"

Je länger das andauert, desto stärkere Abneigung entwickelt sich, desto tiefer wird der Groll gegen dieses immer wiederkehrende unangenehme Objekt oder gegen diese unangenehme Situation. Der Ärger steigert sich bis zur Feindseligkeit und schließlich bis zum Hass. Er gräbt sich immer tiefer in uns ein. Es entsteht ein tiefes Gefühl von unbedingt Loswerdenwollen. Ich möchte, dass dieses Ding sofort aus meinem Territorium verschwindet – und wenn nicht, dann werde ich aggressiv. Aggression erscheint mir immer mehr als Mittel der Wahl. Ich glaube, damit etwas ändern zu können, zumindest Erleichterung finden zu können.

Wenn wir können und sich die Situation anbietet, dann werden wir zuschlagen, zunächst vielleicht nur mit Worten, dann mit der Faust oder womit auch immer. Ich schrecke nicht mehr vor schädlichen Handlungen zurück. Der Geist verdunkelt sich. Ich habe nur den einen Wunsch: alles zu tun, um dieses Gefühl endlich zu vertreiben. Wenn wir uns davon nicht befreien können, sondern immer wieder mit diesem Unangenehmen in Berührung kommen, dann bleibt es nicht bei einem einmaligen Wutausbruch. Unser Charakter verändert sich. Wut und Ärger nisten sich ein. Wir gehen immer schneller hoch, bei immer kleineren Anlässen. Wir leben fast ununterbrochen im Ärger. Wir verbittern und erleben die ganze Welt als feindselig und aggressiv. Um uns zu verteidigen, greifen wir ständig an. Es beginnt, Freude zu machen, anderen einen Hieb zu versetzen oder ihnen eins auszuwischen. Es stellt sich eine übelwollende Geisteshaltung ein, man wird bissig und böswillig. Voller Gram, Schmerz, Bitterkeit und Hass hängt man übelwollenden Gedanken nach. Immer mehr vergiftet einen dieses Geistesgift des Ärgers, des Grolls und der Böswilligkeit. Und das ist großes Leid, denn man findet keine Ruhe mehr.

Wut, die sich bis zur Paranoia steigert

Je länger wir uns in diesen Strukturen der Wahrnehmung befinden, wo wir uns als „Ich hier" erleben mit einem Territorium, das wir gegen das „andere", was außen ist, verteidigen müssen, desto mehr werden wir uns im Kampf mit der Umwelt befinden und immer gereizter werden, immer weniger umgänglich, immer weniger bereit zu Kompromissen. In diesem Mechanismus gefangen zu sein bedeutet zu glauben, die Aggression würde von außen kommen. Wir sind so voller Abneigung gegenüber den unangenehmen Situationen, die wir erleben, und so voller fixer Vorstellungen darüber, wie es eigentlich sein sollte, dass wir selbst alltägliche unangenehme Situationen allmählich als einen gezielten Angriff auf unser Wohlsein empfinden. Alles und jeder greift uns an. Wir haben das Gefühl: „Die machen das extra. Die machen das nur, um mich aufzuregen, damit ich mich unwohl fühle. Dabei will ich doch nur ihr Gutes. Ich weiß genau, was die Situation ändern würde. Sie bräuchten nur zu tun, was ich ihnen schon immer gesagt habe. Aber niemand hört auf mich. Sie machen es absichtlich genau anders. Das ist eine Unverschämtheit und dagegen werde ich mich wehren. Ich werde ihnen einhämmern, dass sie Unrecht haben und auf der falschen Spur sind."

Ich bin in einem ständigen Kampf, die anderen von meiner Sichtweise überzeugen zu wollen. Ich habe verstanden, wie es laufen sollte, und die anderen sollten sich ändern. Und wenn sie das nicht tun, dann kriegen sie es mit mir zu tun, weil ich dafür einstehen muss, dass in dieser Welt alles richtig läuft. In dieser Auseinandersetzung erlebe ich meine Nächsten, die mir eigentlich am Herzen liegen und für die ich alles tun würde, nur noch als widerwillig und ungehorsam – als diejenigen, die genau das nicht tun, was ich ihnen immer predige.

Dieser Kampf geht so weit, dass ich die Menschen, die ich zunächst geliebt habe, nun als ständiges Ärgernis erlebe. Was auch immer sie tun, nichts ist so, wie ich es mir vorstelle, nichts kann im Grunde genommen meine Zustimmung bekommen. Schon wenn ich zum Frühstück komme und sehe, wie mein Ehegatte aussieht, kann ich kaum an mich halten, eine negative Bemerkung zu machen, weil ich sein Sosein als eine einzige Provokation empfinde. Die gesamte Welt wird zu einer Provokation. „Und das machen sie extra. Sie sind ja nicht dumm, sie könnten ja, wenn sie wollten. Aber sie tun es nicht! Sie tun es nicht, weil sie keinen Respekt vor mir haben; weil sie nicht auf mich hören und mich nicht lieben – und deswegen halte ich ab jetzt meinen Mund!"

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