UNTERWEISUNGEN
Die ausführliche
Erklärung der einzelnen Emotionen
Wut–Abneigung
Wut als Spiegel
unserer Begierde
Wenn wir jetzt auf
Ärger, Wut und Zorn zu sprechen kommen, all das, was zum
Bereich der Abneigung gehört, dann haben wir es eigentlich
nur mit dem Spiegelbild der Begierde zu tun. Dort, wo Begierde
ist, ist auch Ärger. Dort, wo wir etwas haben wollen, wollen
wir etwas anderes nicht haben. Anhaftung und Abneigung gehen immer
zusammen. Obwohl die eine Seite bei uns eventuell etwas mehr ausgeprägt
ist, so ist doch die andere als Möglichkeit stets vorhanden.
Sobald uns das Objekt der Begierde weggenommen wird, entstehen
Ärger und Wut. Sobald wir mit einer Situation konfrontiert
werden, die unserem auf Begierde beruhenden Wunsch entgegengesetzt
ist, erleben wir sofort Abneigung und Ärger. Wenn wir uns
dieses Wechselspiel anschauen, dann wird offensichtlich, dass
bei jemandem, von dem man sagen könnte, er sei ein „Begierdetyp",
ebenfalls die Möglichkeit zu starken Wutausbrüchen gegeben
ist, denn beides nährt sich aus der selben Kraft. Wenn starke
Begierde enttäuscht wird, taucht sehr viel Ärger auf.
Wenn mir jemand sagt,
er sei ein Choleriker, dann ist es ganz klar, dass sich hinter
diesem schnellen Entflammen von Zorn, hinter diesem starken „Nichthabenwollen"
ein ganz starkes „Habenwollen" verbirgt, ein starkes Anhaften
an den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen, also eine
starke Begierde. Die beiden gehen immer zusammen. Es ist ein ständiges
Wechselspiel, auch wenn wir auf Grund unserer Tendenzen nach außen
mehr die eine Seite zeigen als die andere.
Die Verteidigungshaltung
Wut, Ärger und
Zorn zeigen an, dass unser Ego, unsere Ich-Identifikation bedroht
ist. Wir fühlen uns von dem, wogegen sich unser Ärger
richtet, in unserem Ichgefühl bedroht. Bedroht in dem Sinne,
dass es leidvolle, unangenehme Erfahrungen mit sich bringen würde,
wenn wir uns der Situation aussetzen würden, und so versuchen
wir, dieses unangenehme Etwas wegzuschieben, aus der Welt zu schaffen
und zu zerstören, falls uns das notwendig erscheint. Wir
wollen verhindern, dass dieses unangenehme Objekt, dieser unangenehme
Mensch uns Leid zufügen kann.
Wut als Ausdruck
von Fixierungen und Frustrationen
Wir könnten
auch sagen, dass Wut einfach Ausdruck dessen ist, dass die Dinge
nicht so sind, wie wir sie haben wollen. Wir haben eine Vorstellung
davon, wie unser Lebensraum sein sollte, aber die Dinge sind keineswegs
so, wie wir uns das wünschen. Wir werden wütend, weil
die Welt unseren Vorstellungen nicht entspricht. Wenn jemand viele
Vorstellungen darüber hat, wie die Welt zu sein hat, dann
wird er ständig wütend sein, weil er einfach nie das
findet, was er haben will, sondern immer nur das Gegenteil. Ein
ständig wütender, cholerischer Mensch hat ganz viele
Vorstellungen darüber, wie die Welt und seine Umgebung zu
sein hat. Deswegen ist er ständig wütend – weil er die
Dinge nicht so vorfindet, wie er sie gerne haben möchte.
Das ist sehr erschöpfend und frustrierend und man wird immer
reizbarer.
Jemand, der sich
immer wieder in Ärger verstrickt, bringt damit zum Ausdruck,
dass er ganz klare, festgefahrene Ansichten darüber hat,
wie die Welt zu sein hat. Und er findet tausend Gründe, warum
die Welt genau so zu sein hat, wie er das meint, und nicht
anders. Aber die eine, simple Tatsache, dass die Welt sich halt
nicht nach guten Gründen richtet, nach tausend Argumenten,
wie sie zu sein hätte, das leuchtet emotional nicht ein.
Es ist ein ständiges Aufbäumen dagegen, wie die Welt
tatsächlich ist. Wenn ich wütend bin, glaube ich unbewusst,
dass ich die Welt durch meine Wut ändern könnte. Ich
habe mich noch nicht damit abgefunden, dass sie anders ist. Doch
statt die Situation zu verbessern, verschlimmert sich meist alles
durch meine Wut. Dort, wo ich wütend werde, kommt Wut zurück.
Die anderen gehen in die Verteidigung und statt dass die Dinge
sich bewegen und zum Besseren verändern, verfestigen sie
sich nur. Keiner lässt nach. Einer ist so dickköpfig
wie der andere, alle haben Recht und alle kämpfen fürs
Beste der Welt.
Wie es allmählich
zu Wut kommt
Jetzt werden wir
uns anschauen, wie sich die Wut aufbaut, wie es zu solch einem
Ärger kommt und welche Formen das annimmt. Eigentlich beginnt
alles mit einem Gefühl, einer unangenehmen Empfindung,
einem Gedanken von etwas Unangenehmen. Dies kann eine äußere
Wahrnehmung sein, etwas, das wir sehen, hören, riechen, fühlen
oder schmecken oder aber ein Gedanke, eine Erinnerung oder Vorstellung,
die uns unangenehm ist. Dieser geistige Eindruck, der sich im
Geist zeigt, wird als unangenehm eingestuft. Aber statt diesen
Eindruck einfach vorbeiziehen zu lassen, beschäftigen wir
uns damit. Wir haften an und er beginnt, ein Unbehagen
auszulösen, eine Irritation. Wir wollen dieses unangenehme
Gefühl loswerden, rauswerfen aus unserem Geist. Statt den
Gedanken loszulassen, versuchen wir, außerhalb Lösungen
zu finden. Und je länger wir uns mit diesem unangenehmen
Gefühl beschäftigen, desto ungeduldiger werden wir.
Unser Unbehagen steigert sich zu Ärger. „Warum hört
das nicht auf! Jetzt reicht es mir aber!"
Je länger das
andauert, desto stärkere Abneigung entwickelt sich,
desto tiefer wird der Groll gegen dieses immer wiederkehrende
unangenehme Objekt oder gegen diese unangenehme Situation. Der
Ärger steigert sich bis zur Feindseligkeit und schließlich
bis zum Hass. Er gräbt sich immer tiefer in uns ein.
Es entsteht ein tiefes Gefühl von unbedingt Loswerdenwollen.
Ich möchte, dass dieses Ding sofort aus meinem Territorium
verschwindet – und wenn nicht, dann werde ich aggressiv. Aggression
erscheint mir immer mehr als Mittel der Wahl. Ich glaube, damit
etwas ändern zu können, zumindest Erleichterung finden
zu können.
Wenn wir können
und sich die Situation anbietet, dann werden wir zuschlagen, zunächst
vielleicht nur mit Worten, dann mit der Faust oder womit auch
immer. Ich schrecke nicht mehr vor schädlichen Handlungen
zurück. Der Geist verdunkelt sich. Ich habe nur den einen
Wunsch: alles zu tun, um dieses Gefühl endlich zu vertreiben.
Wenn wir uns davon nicht befreien können, sondern immer wieder
mit diesem Unangenehmen in Berührung kommen, dann bleibt
es nicht bei einem einmaligen Wutausbruch. Unser Charakter verändert
sich. Wut und Ärger nisten sich ein. Wir gehen immer schneller
hoch, bei immer kleineren Anlässen. Wir leben fast ununterbrochen
im Ärger. Wir verbittern und erleben die ganze Welt als feindselig
und aggressiv. Um uns zu verteidigen, greifen wir ständig
an. Es beginnt, Freude zu machen, anderen einen Hieb zu versetzen
oder ihnen eins auszuwischen. Es stellt sich eine übelwollende
Geisteshaltung ein, man wird bissig und böswillig. Voller
Gram, Schmerz, Bitterkeit und Hass hängt man übelwollenden
Gedanken nach. Immer mehr vergiftet einen dieses Geistesgift des
Ärgers, des Grolls und der Böswilligkeit. Und das ist
großes Leid, denn man findet keine Ruhe mehr.
Wut, die sich
bis zur Paranoia steigert
Je länger wir
uns in diesen Strukturen der Wahrnehmung befinden, wo wir uns
als „Ich hier" erleben mit einem Territorium, das wir gegen
das „andere", was außen ist, verteidigen müssen,
desto mehr werden wir uns im Kampf mit der Umwelt befinden und
immer gereizter werden, immer weniger umgänglich, immer weniger
bereit zu Kompromissen. In diesem Mechanismus gefangen zu sein
bedeutet zu glauben, die Aggression würde von außen
kommen. Wir sind so voller Abneigung gegenüber den unangenehmen
Situationen, die wir erleben, und so voller fixer Vorstellungen
darüber, wie es eigentlich sein sollte, dass wir selbst alltägliche
unangenehme Situationen allmählich als einen gezielten Angriff
auf unser Wohlsein empfinden. Alles und jeder greift uns an. Wir
haben das Gefühl: „Die machen das extra. Die machen das nur,
um mich aufzuregen, damit ich mich unwohl fühle. Dabei will
ich doch nur ihr Gutes. Ich weiß genau, was die Situation
ändern würde. Sie bräuchten nur zu tun, was ich
ihnen schon immer gesagt habe. Aber niemand hört auf mich.
Sie machen es absichtlich genau anders. Das ist eine Unverschämtheit
und dagegen werde ich mich wehren. Ich werde ihnen einhämmern,
dass sie Unrecht haben und auf der falschen Spur sind."
Ich bin in einem
ständigen Kampf, die anderen von meiner Sichtweise überzeugen
zu wollen. Ich habe verstanden, wie es laufen sollte, und die
anderen sollten sich ändern. Und wenn sie das nicht tun,
dann kriegen sie es mit mir zu tun, weil ich dafür einstehen
muss, dass in dieser Welt alles richtig läuft. In dieser
Auseinandersetzung erlebe ich meine Nächsten, die mir eigentlich
am Herzen liegen und für die ich alles tun würde, nur
noch als widerwillig und ungehorsam – als diejenigen, die genau
das nicht tun, was ich ihnen immer predige.
Dieser Kampf geht
so weit, dass ich die Menschen, die ich zunächst geliebt
habe, nun als ständiges Ärgernis erlebe. Was auch immer
sie tun, nichts ist so, wie ich es mir vorstelle, nichts kann
im Grunde genommen meine Zustimmung bekommen. Schon wenn ich zum
Frühstück komme und sehe, wie mein Ehegatte aussieht,
kann ich kaum an mich halten, eine negative Bemerkung zu machen,
weil ich sein Sosein als eine einzige Provokation empfinde. Die
gesamte Welt wird zu einer Provokation. „Und das machen sie extra.
Sie sind ja nicht dumm, sie könnten ja, wenn sie wollten.
Aber sie tun es nicht! Sie tun es nicht, weil sie keinen Respekt
vor mir haben; weil sie nicht auf mich hören und mich nicht
lieben – und deswegen halte ich ab jetzt meinen Mund!"