UNTERWEISUNGEN
Gendün Rinpotsche
zu „Meditation und Hingabe"
Ein
Auszug aus dem Buch
"Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters"
von Gendün Rinpotsche,
Theseus Verlag
A. Was bedeutet Meditieren?
Die Grundlage
von Meditation ist Disziplin – das Entwickeln von Achtsamkeit
bei allen Handlungen von Körper, Rede und Geist.
Achtsamkeit bedeutet,
stets darauf zu achten, anderen nicht zu schaden, sondern zu ihrem
höchsten Wohl beizutragen. Dadurch wird sich die altruistische
Einstellung immer mehr in unserem Geist ausbreiten und zu einer
alles umfassenden Lebensweise werden. Unser Egoismus verringert
sich, unser selbstloses Interesse an anderen wächst und schließlich
werden Liebe und Mitgefühl ganz natürlich für uns.
Wir denken nicht mehr an uns selbst. Das ist wahre Meisterschaft
der Meditation. In der Meditation üben wir, unseren Geist
anderen zuzuwenden.
Meditieren bedeutet,
entschlossen unsere ichbezogenen Muster anzuschauen und aufzulösen.
Das wahre Zeichen
von Fortschritt in der Meditation ist, dass unser Interesse am
Wohlergehen anderer wächst und dass es uns immer leichter
fällt, an unseren Fehlern zu arbeiten. Wenn sich unsere ichbezogene,
übelwollende Haltung auflöst, wird sich Güte ausbreiten,
das Leben wird einfacher werden und unsere Handlungen werden spontan
das Wohl der anderen und dadurch zugleich auch unser eigenes Glück
bewirken.
Meditation beinhaltet,
dass wir über die Unterweisungen nachdenken, um die wahre
Natur des Geistes zunächst intellektuell zu verstehen. Bei
dieser Vorbereitung nehmen wir eine Analyse von Subjekt und Objekt,
Geist und Erscheinungen auf relativer Ebene vor – eine bewusste,
vielleicht etwas künstlich anmutende Vorarbeit. Auf der Basis
dieses intellektuellen, analytischen Verständnisses führt
uns die Meditation dann in den Raum jenseits von Subjekt und Objekt,
in dem der Geist sich selbst erkennt. Dabei entsteht eine unmittelbare
Gewissheit jenseits aller Analysen. Die analytischen Betrachtungen,
die wir benutzt haben, um zu einer richtigen Meditation zu finden,
müssen an diesem Punkt losgelassen werden, sonst wird keine
wirkliche, spontane Meditation entstehen.
Nur völlig
natürliche Meditation frei von Vorstellungen führt zur
Befreiung.
Meditation bedeutet
nicht, einen besonderen Geisteszustand zu erzeugen, sich in Trance,
wohlige Behaglichkeit oder irgendwelche künstlichen Zustände
zu versetzen. Es geht nicht darum, spezielle Erfahrungen hervorzurufen,
Visionen zu haben oder bestimmte Formen und Farben zu sehen. Meditieren
bedeutet gewahr zu werden, dass unser Geist seit undenkbaren Zeiten
Gefangener seiner Anhaftung an Erfahrungen ist. Es bedeutet zu
sehen, dass dies Leid hervorruft, den Geist eng macht und ihm
künstliche Grenzen setzt. In der Meditation erlauben wir
ihm, sich zu entspannen und aus dieser Enge zu befreien. Entspannt
zu sein bedeutet nicht, sich körperlich gehen zu lassen oder
unaufmerksam zu sein. Gemeint ist eine Entspannung des Geistes,
in der Körper und Geist vollkommen präsent und wach
sind.
Unsere engen, „beschränkten"
Geisteszustände sind die Folge unseres ichbezogenen Handelns
in früheren Leben und der dadurch erzeugten karmischen Tendenzen.
Aufgrund dieser zwanghaft gewordenen Gewohnheiten haben wir kaum
Kontrolle über unser Leben – wir leiden, auch wenn wir es
nicht wollen – und sind in vielerlei Hinsicht Spielball unseres
Karmas mit nur geringen Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.
Durch das Meditieren legen wir allmählich unsere geistige
Enge und Zwanghaftigkeit ab. Wir lösen unsere karmischen
Tendenzen auf und können zunehmend Einfluss auf unsere Zukunft
nehmen, bis wir schließlich unser Leben in völliger
Entscheidungsfreiheit meistern.
Allgemein gesprochen
sind wir gefangen in den Reaktionsmustern von Mögen und Nichtmögen,
Wollen und Nichtwollen. Wir leben in der Hoffnung, dass unsere
Wünsche in Erfüllung gehen mögen, und in der Furcht,
dass Unangenehmes eintreten könnte. Die sich daraus ergebenden
Gefühle des Unbefriedigt- und Angespanntseins und sämtliche
Probleme entspringen unserem eigenen zwanghaften Geist und entstehen
nicht, wie wir für gewöhnlich denken, durch andere Menschen
und äußere Zwänge. Sie kommen von unserem unstillbaren
Durst nach Selbstbestätigung und Erfüllung im Außen,
von dem Wunsch, etwas zu erreichen, was nicht erreichbar ist.
Dieses anstrengende Suchen nach einem Glück außerhalb
von uns ist die eigentliche Ursache unseres Leides und des Kreislaufes
sich immer wiederholender leidvoller Existenzen.
Mit Hilfe der
Meditation befreien wir uns vom Hoffen auf Glück und von
Haften und Anspannung. Sie eröffnet uns die natürliche
Weite und grenzenlose Freude, die der Buddhanatur innewohnen.
In dieser Weite,
frei von Anhaften und dadurch frei von allem Leid, kommt unser
Geist zur Ruhe, denn unsere für gewöhnlich starke gedankliche
Aktivität wird nicht, wie wir meist annehmen, von äußeren
Gegebenheiten, dem Kontakt mit äußeren Objekten hervorgerufen,
sondern wird von unseren Mustern des Anhaftens, des Ablehnens
und gleichgültigen Vermeidens unterhalten. Gedanken und Gefühle
erscheinen aufgrund unserer eigenen Tendenzen. Wir projizieren
unsere Gefühlszustände aus unserem eigenen Inneren nach
außen und nehmen sie dann als äußere Welt wahr.
Wenn wir in der Meditation damit vertraut werden, einen Geist
frei von Anhaften zu wahren, ohne ihn auf etwas zu fixieren oder
durch vorgefasste Vorstellungen einzuengen, dann entspannt er
völlig und kommt zur Ruhe. Es gibt dann keinen Grund mehr
für das Entstehen von Gedanken und Empfindungen.
Wenn das Haften
an einem Ich aufhört, hören auch die Projektionen auf.
Ohne das Ichgefühl
gibt es auch keine vom „Ich", dem Subjekt, getrennte Erscheinungswelt,
keine Objekte, die unabhängig von einem projizierenden Geist
existieren würden. Wenn wir dies erkennen, löst sich
unser Haften an der vermeintlichen Wirklichkeit von Erscheinungen
auf und der Geist verwickelt sich nicht mehr in Reaktionen auf
seine eigenen Projektionen. Er wird ruhig und frei von emotionalem
Aufruhr. So entsteht wahre geistige Ruhe.
Für gewöhnlich
greift der Geist, mit dem wir uns als einem „Ich" identifizieren,
ununterbrochen nach Objekten und haftet an all den verschiedenen
Situationen. In der Meditation geben wir dieses Greifen und Festhalten
auf und lösen den Geist aus seinen Fesseln, indem wir alle
Fixierungen und alles Abgelenktsein sich von selbst auflösen
lassen. In diesem Prozess des Loslassens befreit sich der Geist
auf natürliche Weise von allen Spannungen und Anhaftungen,
die ihn einschränken und gefangen halten. Wir finden in immer
tiefere Entspannung und öffnen uns vollkommen. Was immer
in unserem Geist erscheint, überlassen wir sich selbst, ohne
irgendetwas festzuhalten oder abzulehnen.
Meditation bedeutet,
den Geist im gegenwärtigen Augenblick ruhen zu lassen – ohne
etwas abzulehnen, ohne etwas künstlich zu erzeugen und ohne
das Sosein des jeweiligen Momentes zu manipulieren.
Der große Verwirklichte
Saraha hat in einer Unterweisung über die Natur des
Geistes gesagt: „Wenn wir diesen im Haften gefangenen Geist entspannen,
wird er sich ohne jeden Zweifel befreien." Es geht lediglich
darum, zu erlauben, dass der Geist sich frei von Anhaften und
Ablehnen in seinem natürlichen Zustand niederlässt,
in dem das gewöhnliche Bewusstsein völlig ungekünstelt
im gegenwärtigen Augenblick verweilt. Auf diese Weise entwickelt
sich eine immer tiefere Entspannung – und das ist, was zur Befreiung
führt. Wenn es uns gelingt, frei von Manipulation zu meditieren,
lösen sich alle Spannungen und der Geist entknotet sich.
Das offene, klare und lebendige Bewusstsein lässt sich unzerstreut
in sich selbst nieder, ohne die geringste Spur von Dumpfheit.
Dazu ein Beispiel:
Wenn wir Tee eingeschenkt haben, ist dieser zuerst noch in Bewegung.
Doch wenn wir die Tasse in Ruhe lassen, wird sich der Tee allmählich
beruhigen. Das Gleiche geschieht, wenn wir den Geist in Ruhe lassen:
Er wird in einem Zustand von natürlicher, gelöster Entspannung
weilen, die sich immer mehr vertieft. Nicht zu erlauben, dass
der Geist in diesem entspannten, ruhigen Zustand weilt, ist, als
würden wir die Tasse fortwährend bewegen.
Meditation besteht
darin, sich der im Geist stattfindenden Bewegungen bewusst zu
werden und die Gedanken sich erheben und wieder dorthin zurückkehren
zu lassen, woher sie kamen – ein natürlicher Vorgang, den
wir einfach geschehen lassen. Unsere Aufgabe ist, die Offenheit
und Spontaneität des Geistes zuzulassen. Dabei öffnen
wir uns der Erkenntnis, dass das gesamte Spiel der Manifestation,
alles was im Geist erscheint, ohne Wirklichkeit ist. Dies führt
zur Entspannung des Geistes und dadurch auch zu einer natürlichen
Entspannung des Körpers. Das heißt aber nicht, dass
dieser in sich zusammensackt, sondern er behält seine aufrechte
und zugleich offene und geschmeidige Haltung, frei von aller Verkrampfung.
Wir haben die Tendenz,
Körper und Geist durch Gedanken und Absichten zu fesseln
und diese Fesselung unter Anspannung aufrechtzuerhalten – und
als Reaktion entstehen Dumpfheit oder Wildheit im Geist. In der
Meditation lösen wir diese Fesseln und erlauben, dass wir
uns auf natürliche Weise öffnen. Dadurch findet unser
Geist seine Weite und schließlich auch seine Weisheitsdimension
wieder. Frei von Zwang und Spannung gibt es kein Leid mehr. Überhaupt
kein Leid mehr zu erfahren bedeutet vollkommene Freude und das
ist Erleuchtung!
Öffnen und
Loslassen ist nicht schwierig. Eigentlich ist es viel schwieriger,
immerzu festzuhalten und sich abzumühen. Loslassen ist sogar
die einfachste Sache der Welt. Es gibt dabei überhaupt nichts
zu tun.
Loslassen ist die
Voraussetzung für tiefe Meditation. Wir müssen uns von
Samsara, den Leid erzeugenden Mustern des Anhaftens lösen.
Das Schwierige daran ist, dass diese Muster sehr stark sind, weil
wir sie so lange genährt und durch so viele Handlungen verfestigt
haben. Doch jetzt haben wir die Möglichkeit, uns von der
Faszination und den Gewohnheiten, die uns an die Welt unserer
Anhaftungen binden, zu lösen. Dafür müssen wir
wahre Entsagung entwickeln – und dies nicht nur in Worten. Entsagung
bedeutet, sich von der emotionalen Verwicklung in weltliche Angelegenheiten
zu lösen. Entsagung ist die Basis aller Meditation. Um sie
zu entwickeln, kontemplieren wir zunächst, wie kostbar dieses
Leben ist und auch wie vergänglich. Dann denken wir daran,
wie alles Leid und Glück durch Karma, durch Handlungen, bedingt
ist. Wir schauen genau hin, was die Ergebnisse all der Handlungen
waren, die wir bisher ausführten, und bedenken, was die Folgen
unserer gegenwärtigen Handlungen in Zukunft sein werden.
Wir machen uns klar, wie wir selbst die Ursachen unserer Anhaftung
und unseres Gefangenseins in Samsara geschaffen haben.
Wenn wir uns eingestehen,
wie sinnlos und letzten Endes schädlich alle Handlungen sind,
die wir aus Anhaftung ausführen, werden wir in der Lage sein,
uns von ihnen zu lösen.
Bisher haben wir
weltlich gehandelt, weil wir unter dem Einfluss von Unwissenheit
waren, doch nun können wir dank der Lehre Buddhas unser Leben
auf die Erleuchtung ausrichten. Zugleich sehen wir, dass alle
Lebewesen unter dem Einfluss dieser Unwissenheit stehen und aus
diesem Grunde negativ handeln und immenses Leid erfahren. Die
meisten dieser Wesen haben keinen Kontakt mit solchen Unterweisungen
und deshalb keine Möglichkeit, ihre Unwissenheit zu erkennen
und sich aus ihr zu befreien. Dies weckt Mitgefühl, das unsere
Entsagung stärkt und uns noch mehr für uneigennützige
Praxis zum höchsten Nutzen aller Wesen öffnet.
Entsagung vertieft
sich weiter, wenn echte Hingabe entsteht. Diese verbindet uns
mit dem Segen des Lamas und der Übertragungslinie und erleichtert
das Loslassen unserer Beschränkungen und Anhaftungen. Durch
die Praxis der Unterweisungen des Lehrers entwickeln wir ein immer
tieferes Vertrauen und überzeugen uns von der Richtigkeit
der Dharmalehren. In diesem Vertrauen und dieser Gewissheit fällt
es leicht, das Haften am Daseinskreislauf loszulassen und uns
von unserer Faszination zu lösen.
Indem wir uns von Anhaftungen
lösen und zugleich Mitgefühl und Vertrauen entwickeln,
kommt der Geist in natürlicher Entsagung von selbst zur Ruhe.
Lasst uns alle Verdienste,
alle positive Kraft, die aus diesem Kurs entstanden ist, dem Wohlergehen
und der Erleuchtung aller Wesen widmen.