UNTERWEISUNGEN

Gendün Rinpotsche zu „Meditation und Hingabe"

B. Warum Hingabe entwickeln?

Hingabe an das Wohl anderer, natürliche Hingabe

An das Wohl aller Wesen zu denken verleiht die Kraft, alle Schwierigkeiten zu überwinden.

Wir erneuern das Versprechen, zum Wohle aller Wesen Erleuchtung zu erlangen, immer wieder und lassen uns dabei nicht von Selbstzweifeln entmutigen, wie zum Beispiel: „Bin ich überhaupt dazu in der Lage, dieses Ziel zu erreichen?" Wenn wir nicht zweifeln, sind wir voller Freude und die Praxis vollzieht sich ganz natürlich. Je mehr uns diese Freude durchdringt, desto offensichtlicher wird, dass sie aus dem Dharma selbst, dem zutiefst Guten, entspringt – und desto mehr wächst sie, bis sie grenzenlos wird. Sie erfüllt uns immer mehr und wir strahlen dieses Glück immer stärker aus. Unser Geist wird leicht und unbeschwert, das Vertrauen in den Dharma nimmt ständig zu. Dieses innere Licht entfernt alle Schleier und ichbezogenen Tendenzen und wir werden empfindsamer für das Leid anderer, ohne dass sich unser Geist dabei verdunkeln und wir mit in das Leid hineingezogen würden. Zugleich spüren wir immer deutlicher, wie wir zu ihrem Wohlergehen beitragen können. Der Dharma gibt uns Mut und die Praxis fällt leicht. Sie entwickelt sich wie von selbst, ohne Zwang und Plackerei.

Diese Freude ist wie ein großes Feuer, das man nicht begrenzen kann – ein Feuer, das aus sich selbst heraus brennt und alles Hinderliche aufzehrt.

Es gibt dann keinen Platz mehr für Kummer, Trägheit oder Zweifel – für all diese quälenden Selbstgespräche. Unser Vertrauen wächst und bringt eine Klarheit hervor, deren leuchtende Kraft alle ichbezogenen Tendenzen und Zweifel beseitigt. Hingabe an die Praxis wird natürlich und völlig selbstverständlich. Wir fragen uns nicht mehr: „Soll ich? Soll ich nicht? Bräuchte ich nicht noch etwas Zeit für mich selbst?" Wo tiefe Überzeugung und Freude sind, braucht die Praxis keine Anstrengung mehr. Alles fällt an seinen richtigen Platz.

Jemand, der sich nicht um seine eigenen Wünsche kümmert, sondern sich völlig den Bedürfnissen aller Wesen widmet, praktiziert die Geisteshaltung des „großen" Fahrzeuges. Er setzt Körper, Rede und Geist rückhaltlos für den Nutzen anderer ein und betrachtet alle Lebewesen als seine Eltern aus früheren Leben. Seine gesamte Energie ist darauf ausgerichtet, sie alle von Leid zu befreien und zur Buddhaschaft zu führen. Diese Haltung bedarf großen Mutes und einer unermüdlichen Hingabe an das Wohl anderer. Ist der Mut nicht groß und beständig genug, kann man dem Weg des großen Fahrzeuges nicht folgen.

Hingabe zum Lama und den Drei Juwelen

In der Kagyü-Linie hat es viele Begegnungen von vollkommenen Meistern mit hervorragenden Schülern gegeben. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind Tilopa und Naropa: Tilopa war ein perfekter Meister und Naropa ein vollkommener Schüler. Einmal, als Naropa seinen Lehrer um Unterweisungen bat, antwortete dieser ihm: „Wenn ich einen wirklich bereiten Schüler hätte, der würde für solche Unterweisungen ins Wasser springen." Naropa zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde und sprang ins Wasser. Und als Tilopa ein andermal in einer ähnlichen Situation zu ihm sagte: „Wenn ich einen wirklich bereiten Schüler hätte, der würde dafür ins Feuer springen", sprang Naropa augenblicklich ins Feuer. Durch diese völlige Hingabe konnte sich die Übertragung von Segen und Erkenntnis auf perfekte Weise vollziehen. Wem dieses Beispiel etwas extrem erscheint, der kann sich auch an Marpa und seinen Schüler Milarepa halten. Milarepa führte selbst die schwierigsten Aufgaben ohne Zögern oder Widerwillen aus – er tat alles, was Marpa im Interesse seines Schülers und der Übertragung von Meister zu Schüler anordnete. Anhand solcher Beispiele bekommen wir einen kleinen Eindruck von dem, wie Meister und Schüler idealerweise sind, und können uns von diesen Vorbildern inspirieren lassen.

Was sind die Merkmale eines authentischen Lehrers? Er sollte in seinem äußeren Verhalten maßvoll und diszipliniert sein, damit er seine Schüler nie zu schädlichem Handeln verleitet und ihre weitere Entwicklung nicht in Gefahr bringt. Durch seine Worte und Taten sollte er andere zu immer umfassenderem ethischen Verhalten inspirieren, so dass sie Nichtheilsames meiden und Heilsames tun. Er sollte den Weg vollständig gegangen sein und durch ausdauernde Praxis alle Verwirklichungen erlangt haben. Sein Geist sollte frei von Eigennutz und allen Wesen gegenüber ständig von grenzenloser Liebe und grenzenlosem Mitgefühl erfüllt sein. Auch die völlige Abwesenheit von Stolz zeichnet einen authentischen Meister aus. Er hat keinerlei egoistische oder weltliche Interessen mehr, sondern wünscht ausschließlich, alle Lebewesen zur Reife zu führen und ihnen so zu ermöglichen, sich von ihren Konditionierungen und dem daraus entstehenden Leid zu befreien.

In der tibetischen Tradition wird ein fähiger Lehrer „Lama" genannt. Der Lama ist die Wurzel aller Verwirklichung und allen Segens. Er wird zum zentralen Bezugspunkt des spirituellen Weges und ist zugleich Inspiration, Quelle der Unterweisungen, Vorbild und Stütze in Schwierigkeiten. So entsteht mit dem Fortschreiten der Praxis und dem sich vertiefenden Vertrauen ein inniges Verhältnis zwischen Lama und Schüler.

Was ist ein geeigneter Schüler? Er sollte viel Liebe und Mitgefühl haben und den Dharma in der Absicht praktizieren, zum Nutzen aller Wesen Buddhaschaft zu verwirklichen. Da er sich in einer selbstlosen Geisteshaltung übt, nehmen seine ichbezogenen Tendenzen allmählich ab. Vertrauen und Hingabe zu den Drei Juwelen und besonders zum Meister sollten bei ihm immer weiter zunehmen und sein Stolz und Eigensinn weniger werden. Der Schüler sollte einen ausgeglichenen Geist haben, sich weder von Lob noch von Tadel aus der Fassung bringen lassen und in allen Umständen Gleichmut bewahren, ohne sich von den wechselnden Geschehnissen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

 

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