UNTERWEISUNGEN

Gendün Rinpotsche zu „Meditation und Hingabe"

Das Band mit dem Lama

Das unsichtbare Band, das Meister und Schüler verbindet, hat zwei Enden. Das Ende des Meisters heißt Mitgefühl, Liebe und Unterstützung und das Ende des Schülers heißt Hingabe, Vertrauen und freudige Ausdauer.

Das Band mit dem Meister ist die Garantie für den Fortschritt des Schülers.

Verläuft die Zusammenarbeit ... positiv, wird der vertrauensvolle Schüler aufgrund seiner Hingabe von der spirituellen Entwicklung des Meisters vorangezogen und beide entwickeln sich gleichzeitig weiter.

Vertrauen, Hingabe und Segen

Wo Vertrauen ist, da ist auch Segen.

Vertrauen und Hingabe des Schülers sind ausschlaggebend. Wenn wir ein Gebet an unseren Meister richten, wenden wir uns nicht an seine Person, sondern an den erleuchteten Geist, den er verkörpert. Die Beziehung vom Schüler zum Lama vollzieht sich von Geist zu Geist. Wenn wir ihn voller Hingabe und Vertrauen um Segen bitten, kann das in einer sehr einfachen Sprache, mit unseren eigenen Worten geschehen. Unser Herz öffnet sich aufgrund unseres ehrlichen Wunsches, Segen zu erhalten und durch diese Öffnung wird unser Geist auf ganz natürliche Weise dem erleuchteten Geist begegnen. Dann sind alle Worte überflüssig. Die physische Gegenwart des Lehrers ist nicht wichtig. Wenn wir offen sind und großes Vertrauen besitzen, dann reicht es, dass wir uns hinsetzen und den Lama im Geist anrufen – und schon ist er da! Das ist möglich, auch wenn wir ihn nur ein einziges Mal getroffen haben oder ihn nur sehr selten sehen. Der Lama ist im Geist. Dort begegnen wir ihm und erhalten seinen Segen. Den Lama in Menschenform benutzen wir nur als Brücke, um Vertrauen zu entwickeln und dadurch in den erleuchteten Geist hineinzufinden und die Schleier der Unwissenheit aufzulösen. Vertrauen ist der Schlüssel zum Segen.

Vertrauen und Hingabe sind der Meister

Vertrauen und Hingabe zum Buddha ermöglichen das Hervorbringen der Verwirklichung (ursprgl.: machten dies möglich), denn wo diese vorhanden sind, da strömt der Segen. Vertrauen und Hingabe sind der Meister. Er verkörpert den erleuchteten Geist und ist nicht bloß die äußere Gestalt. Wäre dies der Fall, müssten wir immer in seiner Nähe bleiben! Wenn wir kein Vertrauen haben und für den Geist des Erwachens, der im Lama weilt, verschlossen sind, dann können wir ein ganzes Leben lang zu seinen Füßen sitzen, ohne ihm auch nur einen einzigen Augenblick wirklich zu begegnen. Wir begegnen dem Menschen, gewiss, aber nie dem Lama. Andererseits können wir sehr weit entfernt vom Lehrer leben und doch in unserem Geist durch Vertrauen und Hingabe ständig untrennbar mit seinem Geist vereint sein.

Wenn wir uns vom Lama getrennt fühlen, so zeigt das, dass wir ihn als gewöhnliche Person sehen. Tatsächlich ist aber die Essenz der Hingabe der Lama selbst und von dem Augenblick an, in dem diese Gewissheit in uns entsteht, ist er immer gegenwärtig. Dann kann uns auch sein Tod nicht mehr von ihm trennen, denn der erleuchtete Geist ist jenseits von Tod und Sterben. Unsere Gebete erreichen ihn weiterhin und sein Segen kann uns weiter führen.

Der wahre Lama ist unsterblich – er ist jenseits von Leben und Tod.

Nur im Geist eines Schülers, der Vertrauen und Hingabe verloren hat, stirbt der Meister wirklich. Solange Vertrauen vorhanden ist und die Schüler offen für seine Inspiration sind, ist auch der Lama lebendig und sein Segen bleibt erhalten. Das erklärte auch der große Verwirklichte Milarepa seinen Schülern kurz vor seinem Tod: Wenn er nun stürbe, sollten sie nicht traurig sein und denken, er wäre unerreichbar. Sein Geist sei wie der weite Raum – allgegenwärtig und ohne Grenzen. Für alle, die ihre Hingabe auf ihn ausrichteten, sei er jederzeit gegenwärtig und sie könnten jeden gewünschten Segen erhalten.

Auch Guru Rinpotsche sagte seinen Schülern bei zahlreichen Gelegenheiten, dass er überall dort sei, wo sie ihn rufen. Wenn sie sich vorstellten, er weile über ihrem Scheitel, vor ihnen oder in ihrem Herzen, so sei er tatsächlich da. Hingabe zum Lehrer und Vertrauen in seinen erleuchteten Geist sind das Herz der Beziehung zum Meister.

Der Lama ist dort, wo ein von Vertrauen und Hingabe erfüllter Schüler ist.

Wir brauchen keine Zweifel zu haben, ob dies wirklich so ist, denn der Lama ist nicht mit einem gewöhnlichen Wesen gleichzusetzen.

Hingabe und Verwirklichung

Deshalb wird gesagt, das Ausmaß des Vertrauens und der Hingabe des Schülers seien ausschlaggebend für seine Verwirklichung. Besitzt er vortreffliche Hingabe, wird seine Verwirklichung vortrefflich sein. Bei mittlerer Hingabe wird sie mittelmäßig sein, und bei gewöhnlicher Hingabe wird seine Verwirklichung ebenfalls gewöhnlich sein. Ohne Hingabe entsteht überhaupt keine Verwirklichung – das wäre wie der Versuch, auf trockenem, steinigem Boden etwas anpflanzen zu wollen. (siehe auch: Ozean des wahren Sinnes S. 81, Besondere Ratschläge, 1. Abschnitt)

Wenn ein vollkommener Meister, ein Buddha, einen wenig begabten Schüler hat, so wird er ihn nicht abweisen, sondern ihm helfen, die für den Weg notwendigen Qualitäten zu entwickeln. In diesem Fall vollzieht sich der Weg vor allem aufgrund der Fähigkeiten des Meisters – es ist, als würde er den Schüler an die Hand nehmen. Wenn der Meister jedoch nicht so vollkommen ist, aber der Schüler viele echte Qualitäten hat, so leistet dieser, indem er den Meister mit Vertrauen und Hingabe als erwachtes Wesen ehrt, den größeren Teil der Arbeit.

Wir brauchen keine Sorgen zu haben, jemals vom Mitgefühl und Segen des Lamas getrennt zu sein: Der erleuchtete Geist und seine spontane altruistische Aktivität sind allgegenwärtig und durchdringen alles. Sobald wir uns öffnen, werden Vertrauen und Hingabe entstehen, die das Empfangen von Segen ermöglichen – und diesen offenen Geist können wir nicht nur in der Beziehung zum Lehrer, sondern in all unseren täglichen Aktivitäten entwickeln.

Was ist Guru Yoga? Hingabe und reine Sichtweise

Dass ein perfekter Meister und ein vollkommener Schüler aufeinandertreffen, ist äußerst selten. Aber wenn der Schüler große Hingabe und eine reine Sichtweise hat, dann ist es nicht so schwerwiegend, wenn sein Meister nur wenige Qualitäten besitzt. Ein Schüler kann, indem er den Lehrer voller Vertrauen als Buddha sieht, den vollen Segen des erleuchteten Geistes erhalten, auch wenn der Lehrer nur ein gewöhnlicher Mensch sein sollte. In solch einem Fall ist der Lehrer lediglich ein Bindeglied in der Kette der Segensübertragung und die Hingabe des Schülers ist es, die alles bewirkt.

Der Meister macht uns das Geschenk der Lehre und sein Geist ist offen. Nun liegt es am Schüler, Vertrauen zu entwickeln und Zugang zu dieser Offenheit zu finden. Dafür gibt es die Praxis des Guru Yoga, bei der wir unseren Geist mit dem des Lehrers vereinen. Dank des so erhaltenen Segens können wir die wahre Dimension unseres Geistes erkennen und Mahamudra, die letztendliche Wirklichkeit, verwirklichen.

Für die Verwirklichung von Mahamudra ist der Segen des Meisters unerlässlich.

In welchem Maße eine Segensübertragung stattfindet, hängt sehr von der Sichtweise des Schülers ab. Sieht er den Lehrer, wenn er zu ihm betet, als Buddha, so erhält er den Segen eines Buddhas. Sieht er ihn als Bodhisattva, erhält er den Segen eines Bodhisattvas. Sieht er ihn als großen Yogi, erhält er den entsprechenden Segen. Und betrachtet er den Lehrer nur als einen gewöhnlichen Menschen mit etwas spiritueller Erfahrung, so wird er auch nur den dementsprechenden Segen erhalten. Hat ein Schüler eine reine Sicht und sieht große Qualitäten in seinem Lama, dann wird jedes Mal, wenn er sich mit Gebeten an ihn wendet, der Segen der Buddhas und Bodhisattvas mit dem Lehrer verschmelzen. So kann der Schüler mittels der Hingabe an seinen Lehrer den Segen aller Buddhas erhalten. Das Vertrauen des Schülers bestimmt das Ausmaß und die Tiefe des Segens, den er empfängt.

Guru Yoga, die Vereinigung mit dem erleuchteten Geist des Meisters, ist eine der wirkungsvollsten Methoden, um die Buddhanatur hervorzubringen. Durch das innige und hingebungsvolle Beten zum Lama können sein Segen und seine Verwirklichung mit unserem Geist verschmelzen und unseren Geistesstrom zur Reife bringen. Damit ein Same keimt, zur Pflanze heranwächst und diese schließlich eine Blüte hervorbringt, bedarf es nicht nur des Samens und der Erde, sondern auch der Wärme der Sonne und des Regens der Wolken. Mit unserem Geist ist es ähnlich. Es genügt nicht, den Samen der Buddhanatur zu besitzen: Wir brauchen die Wärme des Vertrauens und der Hingabe sowie den Segensregen des Lamas, der diesen Samen in uns zum Wachsen bringt.

Man sagt, der Lama sei die Quelle und Wurzel allen Segens. Durch ihn werden alle Dharmalehren verständlich und in unserem Geistesstrom wirksam. Es heißt, dass Erleuchtung ohne den Segen des Lamas unmöglich ist. Alle Buddhas der Vergangenheit sind den Weg der Hingabe gegangen, um Erleuchtung zu verwirklichen. „Lama" steht in diesem Zusammenhang jedoch nicht für eine Person aus Fleisch und Blut, sondern für den Wahrheitskörper (Dharmakaya), die vollkommen reine Gewahrseins-Dimension des erleuchteten Geistes. Der Lama ist der reine Aspekt unseres Geistes und der äußere Lama dient uns vor allem als Stütze, damit wir diesen reinen Aspekt unserer selbst verwirklichen können. Der Lama ist in Wahrheit der Urbuddha Dordsche Tschang, der Wahrheitskörper selbst, die Essenz der Verwirklichung aller Buddhas. Der Segen dieser Verwirklichung ist durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Zeit in ununterbrochener Überlieferung von einem erleuchteten Meister zum anderen übertragen worden. Alle Lehrer und Schüler dieser Linie haben ihre spirituellen Bande und Verpflichtungen völlig rein gehalten. Jeder dieser Meister hat seinen Hauptschülern die Gesamtheit der Unterweisungen der Linie und den ihr innewohnenden Segen übermittelt. Nichts ging verloren – so als würde Wasser von einer Vase in die andere umgefüllt, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen zurückbliebe oder verschüttet würde. Jeder dieser Lehrer verwirklichte das ursprüngliche Gewahrsein und war in der Lage, die Verwirklichung des Wahrheitskörpers an seine Schüler weiterzugeben. Und jeder dieser Schüler war aufgrund seines völligen Vertrauens in den Lama in der Lage, sich ganz für das ursprüngliche Gewahrsein zu öffnen.

Der Lama ist die Tür zur Dimension des ursprünglichen Gewahrseins. Wenn wir hingebungsvoll zu ihm beten, wird sich die Tür öffnen und der Segen des Dharmakaya kann in unseren Geist fließen. Nur so wird der Segen übertragen. Wenn wir im Dunkeln sitzen, während nebenan Licht ist, wird es nicht hell werden, solange wir nicht die Tür öffnen. Ebenso verhält es sich mit dem Lama: Solange wir uns nicht vertrauensvoll an ihn wenden, werden sein Segen und seine Verwirklichung uns nicht erreichen.

So wie wir einen Spiegel brauchen, um unser Gesicht zu sehen, genauso brauchen wir einen Lehrer, um die Natur unseres Geistes zu sehen.

Vertrauen und Hingabe sollten frei von Schwankungen sein, nicht manchmal klar und stark und dann wieder von Zweifeln verschleiert. Meist fühlt sich unsere Hingabe zuerst künstlich an, doch je mehr wir beten und um den Segen des Lamas bitten, desto natürlicher wird sie. Und schließlich müssen wir nicht einmal mehr an das Entwickeln von Hingabe denken oder etwas Besonderes unternehmen, sondern fühlen uns die ganze Zeit mit dem Lama vereint. Vertrauen und Hingabe werden so ganz natürlich.

Beten

Wir beten nicht, um etwas zu bekommen, das wir unbedingt haben möchten, sondern bitten darum, dass sich unsere karmischen Schleier auflösen und wir direkte Einsicht in die Natur des Geistes erlangen mögen. Unser Gebet und der Segen des Lamas bzw. der Drei Juwelen sind so untrennbar wie Feuer und Wärme. Immer wenn wir das Feuer des Gebets entfachen, wird sich die Wärme des Segens ausbreiten. Segen ist die natürliche Folge von Gebet und nicht etwas, das uns von einer besonderen Kraft oder einem übernatürlichen Wesen geschenkt wird.

Beten ist eigentlich sehr einfach. Wir vereinen dabei unseren Geist mit dem erleuchteten Geist, den wir Lama nennen. Der eigene Geist, der Geist des Lamas und die ursprüngliche Gewahrseins-Dimension sind ein und dasselbe. Sie alle sind die wahre Natur des Geistes. Den eigenen Geist in einem Zustand vollkommener Einfachheit verweilen zu lassen, frei von allen Komplikationen und Vorstellungen, ist natürliches Beten und die höchste Art der Praxis.

Entsagung und Hingabe

Entsagung vertieft sich weiter, wenn echte Hingabe entsteht. Diese verbindet uns mit dem Segen des Lamas und der Übertragungslinie und erleichtert das Loslassen unserer Beschränkungen und Anhaftungen. Durch die Praxis der Unterweisungen des Lehrers entwickeln wir ein immer tieferes Vertrauen und überzeugen uns von der Richtigkeit der Dharmalehren. In diesem Vertrauen und dieser Gewissheit fällt es leicht, das Haften am Daseinskreislauf loszulassen und uns von unserer Faszination zu lösen.

Indem wir uns von Anhaftungen lösen und zugleich Mitgefühl und Vertrauen entwickeln, kommt der Geist in natürlicher Entsagung von selbst zur Ruhe.

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